Ohne Hilfe von außen

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TN88

Ohne Hilfe von außen

Beitragvon TN88 » Mi 15. Nov 2017, 17:21

Hallo,,

ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll. Ich bin 29 Jahre alt, verheiratet und wir haben einen Sohn im Kindergartenalter. Zu einem bestimmten Anlass habe ich seit dem Frühjahr mit vielen Aufs und Abs ca. x kg abgenommen (Momentan wiege ich x kg bei x cm). Ich habe Kalorien gezählt, keine Kohlenhydrate gegessen und viel Sport gemacht. Da habe ich auch gemerkt, wie sich der morgendliche Blick auf die Waage auf meine Stimmung ausgewirkt hat. Hatte ich abgenommen, war ich euphorisch und gut gelaunt. War es nicht der Fall, habe ich meine schlechte Laune schon beim Frühstück an meiner Familie ausgelassen.

Mein Essverhalten ist so lange im Rahmen wie mein Mann oder jemand anderes abends zuhause ist und ich damit „unter Kontrolle“ bin. Er ist aus beruflichen Gründen abends oft weg. Wenn er nicht da ist, esse ich oft völlig unkontrolliert ungesunde Dinge. Am nächsten Tag esse ich dann so gut wie gar nichts, um irgendwie das schlechte Gefühl weg zu bekommen. Momentan nehme ich ein Pulver ein, dass Kalorien binden soll. Nach den Essanfällen nehme ich oft Abführmittel. Ich habe das Gefühl, mir geht die Kontrolle über mein Essverhalten verloren, weil auch keiner merkt, was ich esse oder was nicht. Ich kann nicht aufhören über das Essen und die Kalorien und das alles nachzudenken. Ich habe Angst zu essen, weil ich Angst habe die Kontrolle zu verlieren, wenn ich einmal angefangen habe zu essen. Manchmal legt sich dann ein Schalter um und ich kann nicht aufhören zu essen. Ich habe schon so oft versucht, einfach normal und gesund zu essen, aber ich schaffe es nicht. Entweder esse ich fast nichts oder extrem viel. Es raubt mir so viel Energie, die ich für so viele andere Dinge bräuchte. Ich vergesse dauernd Dinge, habe ständig Kopfschmerzen und bin immer müde.

Ich war 2014 bereits in Therapie wegen psychischer Probleme (aber keiner
Essstörung). Das wird diesmal nicht möglich sein, denn wir ziehen bald um und haben für unseren Sohn am neuen Wohnort vorerst keinen Kindergartenplatz und auch keine Familie dort. Ich werde also mit unserem Sohn zuhause sein.

Was kann ich tun? Wie komme ich da alleine wieder raus? Ich würde gerne Hilfe in Anspruch nehmen, sehe aber keinen Weg. Es muss alleine gehen, haben Sie Tipps für mich?

Vielen Dank!
Zuletzt geändert von stephie23 am Fr 17. Nov 2017, 23:59, insgesamt 1-mal geändert.
Grund: Liebe TN88, ich habe die Zahlen aus dem Beitrag entfernt. Deren Nennung ist im Forum nicht erlaubt. Die Beraterinnen kriegen allerdings den uneditierten Beitrag. Wir melden uns schnellstmoeglich mit einer Antwort bei Ihnen. LG, Stephie

P-Beratung
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Re: Ohne Hilfe von außen

Beitragvon P-Beratung » So 19. Nov 2017, 03:29

Liebe TN88,

ich finde es sehr mutig von Ihnen, hier zu schreiben und sich auf diesem Weg Hilfe zu suchen. Sie haben bereits erkannt, was die Essstoerung mit Ihnen macht. Das ist ein sehr wichtiger Schritt auf dem Weg heraus aus der Krankheit!

Ihre Situation ist gerade alles andere als einfach. Ein Umzug in eine fremde Gegend ohne familiaeren Anschluss ist ohnehin nicht leicht. Wenn eine Essstoerung dazu kommt, wird es noch schwieriger. Ich moechte Sie unbedingt ermutigen, die Hoffnung auf Hilfe dennoch nicht aufzugeben und im Folgenden einige meiner Ideen mit Ihnen teilen.

Zunaechst frage ich mich, ob Sie sich vorstellen koennen, Ihren Mann mit ins Boot zu holen. Ich verstehe Ihre Worte so, dass Ihr Mann nichts von Ihrer Essstoerung weiss, sondern lediglich seine Anwesenheit Sie davon abhaelt, ungesundes Essverhalten auszuleben. Ist dies richtig? Koennen Sie sich vorstellen, mit ihm offen ueber Ihre Probleme zu sprechen? Sie beschreiben, dass Sie Frust ueber die Zahl auf der Waage in der Vergangenheit manchmal an Ihrer Families ausgelassen haben. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass ihr Mann also ohnehin spuert, dass es Ihnen nicht gut geht. Vielleicht bewegt es etwas fuer Sie, wenn Sie als Partner im Kampf gegen die Essstoerung an Ihrer Seite wissen. Moeglicherweise hat ihr Mann noch Ideen, wie Sie die Zeit ueberbruecken koennen, bis Sie sich in professionelle Hilfe begeben koennen. Des Weiteren kann er Ihnen einfach eine wichtige moralische Unterstuetzung sein.

Als naechstes habe ich die Idee, dass Sie sich an eine Beratungsstelle fuer Essstoerungen wenden koennen. Wahrscheinlich besteht bei einem Termin in einer Beratungsstelle an Ihrem Wohnort ein aehnliches Problem wie bei der Therapieplatzsuche: wer betreut in dieser Zeit Ihr Kind? Auch hier kann es helfen, wenn Ihr Mann Bescheid weiss. Wenn er weiss, weshalb Sie ein paar Stunden fuer sich brauchen, ist er vielleicht bereit Ihnen fuer einen Termin bei einer Beratungsstelle den Ruecken frei zu halten. Ansonsten gibt es inzwischen auch Beratungsstellen fuer Essstoerungen, die online oder per Telefon ihre Dienste anbieten. Die BzgA Essstoerungen zum Beispiel bietet unter dem folgenden Link eine Uebersicht ueber Ihre Angebote an: https://www.bzga-essstoerungen.de/rat-und-hilfe/was-ist-beratung/online/.

Des Weiteren koennte Ihnen vorerst helfen ein Ess-Tagebuch zu fuehren. Hierin notieren Sie, was Sie wann und in welcher Menge an Speisen und Getraenken zu sich genommen haben und welche Mahlzeiten Sie sich verboten haben oder haben ausfallen lassen. Dazu schreiben Sie auf, was Sie in den jeweiligen Situationen gedacht und gefuehlt haben. Das Ziel dieser Uebung ist nicht das Zaehlen von Kalorien oder Nahrungsmenge, sondern dass Sie ein Gefuehl dafuer kriegen, in welchen Situationen Sie hungern oder Essattacken haben. Z.B. haben Sie Esssattacken immer nach besonders stressigen Tagen? Essen Sie, wenn Sie sich einsam fuehlen? Solche Muster zu erkennen kann ein erster Schritt dazu sein, gezielt nach Loesungen fuer konkrete Situationen zu suchen.

Koennte Ihnen auch ein Austausch mit anderen Betroffenen helfen? Viele Betroffene finden es hilfreich sich vor, waehrend oder nach der Therapie sich weiterhin mit Menschen zu treffen, die aehnliches erlebt haben. Nachdem lokale Selbsthilfegruppen wahrscheinlich auch ein Betreuungsproblem bezueglich Ihres Kindes darstellen, koennte Ihnen vielleicht der Austausch in unserem anonymen, kostenfreien Forum mit anderen Nutzern/Nutzerinnen helfen.

Zuletzt moechte ich Ihnen noch empfehlen, sich Hilfe im Bereich Ernaehrung zu suchen. Ich kann Ihnen sagen, dass es nicht ungewoehnlich ist wenn sowohl Kopf als auch Koerper hungerndes Verhalten mit Fressattacken bekaempfen. Allerdings sind wir hier in der psychosozialen Beratung keine ernaehrungsspezifischen Fachkraefte. Eine professionelle Ernaehrungsberatung kann Ihnen dabei helfen, eine ausgewogene und gesunde Ernaherung wieder zu erlernen. Sofern Sie keine Beratung an Ihrem zukuenftigen Wohnort wahrnehmen koennen, sind Sie jeder Zeit willkommen sich in dem entsprechenden Unterforum hier bei unseren Ernaehrungsberaterinnen zu melden. Dieses finden Sie gleich unter dem Forum zur psychosozialen Beratung, indem Sie Ihren Beitrag gepostet haben.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen mit meinen Ideen ein bisschen weiterhelfen. Wenn Sie noch weitere Fragen an uns haben, melden Sie sich bitte gerne jeder Zeit wieder.

Alles Gute,
Stephie fuer die P-Beratung


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