Hat eine Freundin von mir eine Essstörung?

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m0w
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Hat eine Freundin von mir eine Essstörung?

Beitragvon m0w » Mo 20. Nov 2017, 12:39

Hallo und danke für das Forum!

Ich hoffe ich bin hier richtig. Mein Name ist Christian 25, die Freundin von der ich berichte ist 23. Ich möchte gerne wissen, ob es sich hierbei schon um eine Essstörung handelt und wie ich am besten vorgehen soll. Dazu habe ich ein paar Stichpunkte gemacht (ich habe versucht diese kurz und informativ zu halten), die mir in den letzten Wochen aufgefallen sind. Ich würde auch gerne Meinungen von anderen betroffenen hören, wie die sich gefühlt haben und als man diese mit einer Therapie konfrontiert hat (falls sie diese benötigt). Ich habe die Stichpunkte so geschrieben, wie sie mir eingefallen sind. Die Sternchen verdeutlichen für mich gewisse "Zusammenhänge", die mir beim mehrmaligen lesen aufgefallen sind, wenn man es so nennen möchte. Danke vielmals!

• Findet sich zu dick
• Findet sich zu dick, auch wenn andere sagen, sie sei nicht zu dick*
• Angst vor Gewichtszunahme
• Ist mit ihren Körper unzufrieden (Beine, Arme)
• Häufiges Wiegen (2x täglich)**
• Kontrolliertes essen (vegan = gesund = kcal Defizit)
• Isst nur, weil man es erwartet, dass zu der Mahlzeit gegessen wird (Hatte sie gefragt, warum alle denken, dass sie zu wenig isst, da sie in meiner Anwesenheit immer gut isst.)
• Bekocht andere und das in großen Mengen, isst aber selber sehr wenig. Eines Ihrer Kaninchen ist auch übergewichtig. Wird mit: „er isst einfach zu gerne“ gerechtfertigt. Kenne mich mit Kaninchen nicht aus, finde ich aber in dem Zusammenhang komisch***
***Schaut andere gerne beim Essen zu (sagte sie mal zu mir)
• 8kg in 6 Monaten abgenommen (ohne Sport)
• Vorher ~51kg gewogen, gestern 42.5 kg (weiblich, 167cm)
• Kreislaufprobleme (Treppen steigen -> Wäsche hochtragen)
• Verleugnet Ihre Probleme****
• Gereizt
• Geringes Selbstwertgefühl (ekelt sich vor sich selber: Spiegel / Dusche)
• Sie meinte es gibt Phasen, da möchte sie überhaupt keine körperliche Nähe (ist wohl gerade in so einer Phase)
• Hat mit Sport angefangen (Pilates seit 2-3 Wochen – vielleicht bin ich daran auch selber „schuld“? Ich mache ja selber Sport und hatte deshalb auch schon das ein oder andere Thema mit ihr wegen Ernährung oder Sport. Aber nicht auf sie direkt bezogen, eher auf mich und allgemein.)
*Wurde in der Vergangenheit stark enttäuscht / verletzt von Freunden, Kontakt zu Freunden abgebrochen, lebt noch in der Vergangenheit, nimmt Aussagen von diesen „Freunden“ ernster als Aussagen ihrer jetzigen Freunde (Beispiel): ihre Freundin hat sie gefragt, ob sie Schwanger sei (52kg gewogen – 2013), weil sie zugenommen hat; belastet sie heute noch (Grund Essstörung? - möchte nicht noch mal so enttäuscht werden -> Bedürfnis nach Kontrolle? Möchte für andere nach außen hin perfekt sein)
*Angst davor, dass Menschen wieder so etwas zu ihr sagen (Vermutung - scheint für mich so)
**Es fällt ihr schwer sich nicht zu wiegen. (Ich schließe daraus, dass sie abhängig davon ist?) Ich habe sie gefragt, ob sie es nicht versuchen will, sich nur Morgens zu wiegen, da die Faktoren Abends zu groß sind, um ein aussagekräftiges Gewicht zu haben. Selber habe ich ihr auch gesagt, dass ich mich nur einmal in der Woche wiegen werde (mache selber viel Sport / Kraftsport). Um als indirektes Vorbild zu dienen. Aber auch hier setze ich sie nicht unter Druck. Ich weiß nicht ob sie es macht. Kontrolliere es nicht und nerve sie deswegen auch nicht. Vor ein paar Tagen schrieb sie mir, dass sie es geschafft hat, sich zwei Tage nicht zu wiegen und es schwer für sie war. Darüber habe ich mich natürlich gefreut und es ihr natürlich auch gesagt, dass ich mich freue, dass sie es zwei Tage geschafft hat.
• Sie zeigte mir einmal ein Bild von einem Instagrammodel, weil diese so schön dünne Beine hatte (diese komische Spalte zwischen den Beinen, keine Ahnung wie das heißt, ihr wisst aber was ich meine hoffentlich ^^). Ich meinte aber, dass das offensichtlich bearbeitet sei, da es auf anderen Bildern nicht so extrem war. Und ich fragte sie, ob sie sich davon nicht loslösen möchte, da solche Vergleiche nicht real sind und einen nicht gut tun. Darauf meinte sie, dass ihr das auch schon aufgefallen ist und dass es die letzte ist, die sie sich angeschaut hat. Daraufhin hat sie dann auch die letzte gelöscht. (kleine Einsicht?)
****Wenn ich versuche das Thema anzusprechen, sagt sie gleich von sich aus, dass sie keine Essstörung hat, obwohl ich es selber nie behauptet habe (was ich schon von Anfang an komisch fand und um ehrlich zu sein auch einer der Grüne war wieso mir das erst bewusst geworden ist, da es andere ja wohl auch angesprochen haben müssen? Sonst wäre sie ja nicht zu dem Entschluss gekommen, dass ich auch so denke?)
• Wie kann ich ihr am besten helfen? Wie zu einer Therapie motivieren? Braucht sie überhaupt eine Therapie? Mache ich mir zu viele Sorgen? Schließlich ist es ihre Entscheidung. Ich kann sie zu nichts zwingen
• Ich versuche ihr zuzuhören und für sie da zu sein. Ich zwinge mich auch nicht dazu, sie ist wirklich eine gute Freundin geworden (Ich kenne sie erst seit 3 Monaten. Wir verstehen uns aber blendend). Es belastet mich daher auch nicht. Auch wenn es den Anschein macht, weil ich hier um Rat Frage. Ich möchte nur nichts falsches machen, da ich selber auch sehr rational denke (sie ist, im Gegensatz zu mir, sehr emotional) und ihr mir hoffentlich aus euren Erfahrungen helfen könnt. Auch das was ich hier geschrieben habe, habe ich nicht zu ihr gesagt. (außer dass mit den alten „Freunden“) Das sind alles nur meine Gedanken der letzten Wochen. Im Grunde stelle ich ihr nur Fragen, da ich es auch selber verstehen möchte und auch kein Moralapostel spielen will. Gestern meinte sie aber, dass meine Fragen ganz schön verletzend sein können, da ich alle ihre Ansichten hinterfrage. War mir vorher auch nie bewusst gewesen, dass das verletzend sein könnte. 
• Sage, dass ich sie auch nicht verurteile, egal was sie macht oder sagt und dass sie immer ehrlich zu mir sein soll, was sie auch macht (zumindest sagt sie es)
• Sie sagt selber, dass sie so jemanden wie mich noch nicht hatte -> Kann ich sie deshalb eher dazu motivieren, anstelle von ihren Eltern / Partner / Ärztin? Habe nämlich den Anschein, dass ich der einzige bin, der das realisiert. Habe zu anderen Personen in ihren Umfeld aber auch keinen Kontakt, von daher möchte ich nicht pauschalisieren. Liegt es daran, dass ich sie erst seit kurzem kenne?
• Einmal habe ich sie ausversehen zum Essen gezwungen (indirekt). Habe ihr zwei Muffins gebacken und sie hat einen gegessen, ihr Magen hat dann geknurrt und sie wollte den zweiten nicht essen, darauf meinte ich: „Ach komm schon, einer ist keiner!“ Ist mir aber erst im Nachhinein eingefallen, dass das vielleicht nicht so schlau war. War eigentlich auch eher aus Spaß und nicht ernst gemeint. Sie hat dann aber den zweiten gegessen.
• Sie meinte mal zu mir, dass sie auch nur etwas zum Mittag isst, da ich mit ihr in der Mittagspause schreibe und ich sie auch frage, was es zum Essen gibt. War mir vorher gar nicht so bewusst gewesen, da ich es als Smalltalk abgestempelt habe. Sie scheint damit aber wohl keine Probleme zu haben nehme ich an?
• Sätze wie „Iss doch endlich mal was!“ sage ich zu ihr nicht. Würde sie auch nur unter Druck setzen oder? Denke das ist nicht der richtige Weg
• Ich sage ihr auch nicht, dass sie jetzt hässlich aussieht oder reduziere sie auf ihr Äußeres. Sie ist auch ein sehr hübsches Mädchen. Ist bei ihrem Selbstwertgefühl auch nicht ratsam, mit der Moralkeule zu schwingen nehme ich an.
• Mir ist aufgefallen, dass sie Lieblingskekse hat, die sie total gerne isst. Da habe ich ihr schon einmal eine Packung geschenkt und die hat sie gleich ohne Hemmung aufgegessen und hat sich auch sehr gefreut darüber^^
• Sollte ich auf solche „Lieblingsspeisen“ achten? Oder setzt sie das nur mehr unter Druck, da sie dann denkt, dass sie nur wieder dicker wird?

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Re: Hat eine Freundin von mir eine Essstörung?

Beitragvon Therapienetz » Di 21. Nov 2017, 12:20

Lieber Christian,

zunächst einmal möchte ich Ihnen sagen, dass Sie sich da schon echt viele Gedanken um Ihre Freundin gemacht haben, ein richtig guter Freund!

Zu Ihrer Frage ob Ihre Freundin eine Essstörung hat. Grundsätzlich ist es natürlich schwierig, das aus der Ferne zu beurteilen. Jedoch haben Sie ja sehr anschaulich beschrieben was Sie wahrnehmen. Da gibt es durchaus einige Punkte die auf eine Essstörung hinweisen. Dazu gehört das nie zufrieden sein mit dem eigenen Körper und die starke Verletzung wenn andere Äußerungen über das Aussehen machen. Auch das eher chaotische Essverhalten und wie Ihre Freundin auf das Thema reagiert, sprechen für mich dafür dass sie eine Essstörung hat.
Große Sorge macht mir aber das Gewicht Ihrer Freundin, denn das entspricht einem BMI von unter 16 was deutlich im Untergewicht ist und für mich klar auf eine Magersucht hinweist. Bei so einem BMI sprechen wir in der Beratungsstelle mit den Klientinnen eigentlich über den Aufenthalt in einer Psychosomatischen Klinik und erteilen sofort ein Sportverbot um schlimmere körperliche Folgen zu verhindern.

Jetzt ist natürlich die Frage wie Sie als Freund damit umgehen.
Das beste ist Ihre Wahrnehmung einfühlsam aber klar auszusprechen, keine Vorwürfe zu machen, aber der Sorge Ausdruck verleihen. Viele Betroffene lehnen das zunächst einmal ab, weil sie u.U. zunächst einmal mit dem gesagten klar kommen müssen. Lassen Sie sich davon aber nicht abschrecken denn oft ist es auch der erste Schritt für Betroffene die Augen zu öffnen und sich einzugestehen, dass man krank ist und Hilfe braucht.
Bieten Sie ihr vielleicht an mit ihr zusammen nach Unterstützungsmöglichkeiten, Beratungsstellen usw. zu suchen und sie auch dorthin zu begleiten. Beratung ist kostenlos und kann auch anonym gemacht werden. Das wäre der erste Schritt zur Behandlung. Als Freund können auch Sie sich beraten lassen, denn Menschen mit Essstörungen zu begleiten ist nicht einfach, daher holen auch Sie sich Unterstützung!
Wenn Sie dazu Adressen brauchen können Sie sich gerne in unserer Beratungsstelle telefonisch melden unter 089-72013678-0.

Ansonsten ist es aber auch hilfreich wenn Freunde das Essen nicht ständig thematisieren, unternehmen Sie mit ihrer Freundin was, treffen Sie Freunde, machen Sie was schönes und klar, wenn Ihre Freundin es genießt mit Ihnen zu essen, ist das super.

Ich fürchte mehr können Sie nicht machen, denn wie Sie selber schon geschrieben haben ist es die Entscheidung Ihrer Freundin sich Hilfe zu holen. Trotzdem finde ich es wichtig, dass Sie das ansprechen, zumal wie gesagt das Gewicht Ihrer Freundin sehr bedenklich ist. Wenn Sie noch weitere Infos zum Thema Essstörungen brauchen gibt es von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung eine gute Broschüre auch für Angehörige.

Ich hoffe ich konnte Ihnen weiterhelfen, setzten Sie sich selber bitte nicht zu sehr unter Druck, versuchen Sie was geht und seien Sie ggf. da, manches braucht auch einfach Zeit.

Viele Grüße
Kristina D'Agostini


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