Fühl mich grad total überfordert

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Moderator: Therapienetz

Aschenbuttel

Fühl mich grad total überfordert

Beitragvon Aschenbuttel » Sa 3. Dez 2016, 09:46

Hallo liebes Beraterteam,

bei mir ist grad alles ziemlich kompliziert und ich hab wahnsinnige Angst davor, eine falsche Entscheidung zu treffen. Ich habe eine abhängige Persönlichkeitsstörung und tue mich deshalb grundsätzlich schwer, alleine lebenswichtige Entscheidungen zu treffen. Ich habe deshalb schon sämtliche Leute in meinem Umfeld gefragt, was sie an meiner Stelle tun würden. Leider sagt jeder was anderes. Es geht darum, dass mein Arbeitsvertrag bis Ende April befristet ist und ich jetzt schon auf der Suche bin, nach einer neuen Stelle, da ich aus verschiedenen Gründen auch dort weg möchte. Jetzt hätte ich eine Zusage für eine 30 Stundenstelle, wobei es auch sein kann, dass doch noch eine Vollzeitstelle daraus wird, das entscheidet sich in den nächsten zwei Wochen. Zuerst wollte ich lieber eine Vollzeitstelle, wegen dem Geld, grad ist mir aber irgendwie alles zu viel und ich hätte jetzt doch wieder lieber weniger Stunden. Morgen will ich dann vielleicht doch lieber wieder Vollzeit arbeiten, weil ich nicht schwächer sein will, wie der Rest der Welt und mir nicht die Blöße geben will, das nicht zu schaffen. Hinzu kommt, dass ich immer noch keine Psychotherapeutin gefunden habe und ich jetzt gestern einen Anruf bekommen habe, dass mir eine einen Therapieplatz um 8 Uhr morgens anbieten könnte. Dort gibt es aber Kernzeiten von 9-15 Uhr und ich weiß nicht, ob es so gut ankommt, wenn ich gleich frage, ob ich evtl. einmal die Woche später kommen kann. Noch dazu bin ich dort die einzige Verwaltungskraft, es gibt also auch niemand, der meine Arbeit übernehmen könnte. Auch davor habe ich etwas Angst, weil ich so eine Stelle noch nie hatte. Ich habe allerdings noch mit meiner ehemaligen Psychotherapeutin Kontakt, die die Therapie nicht mehr fortführen wollte, weil unser Verhältnis zu eng geworden ist. Diese meinte, das wäre doch super, wenn man sein eigener Chef ist und sie hatte überhaupt keine Zweifel daran, dass ich das schaffe. Ich habe allerdings schon Zweifel, da ich dort mit Menschen zu tun habe, die in einer schwierigen Lebenssituation sind. Ich bin zwar nur die Verwaltungskraft, aber auch mir wurde ein Kurs zur Krisen- und Suizidprävention angeboten, was ich nicht schlecht finde, aber irgendwie fühle ich mich auch ein wenig überfordert. Ich habe selber oft Krisen und auch viele Freundinnen, die immer wieder Krisen haben, man kann sich dann oft gegenseitig helfen und es tut auch gut anderen helfen zu können. Nur mir selbst kann ich oft nicht helfen. Ich möchte zwar gerne einen sozialen Beruf machen, aber ich weiß nicht, ob es wirklich gut für mich ist, wenn ich beruflich und privat ständig mit Leuten zu tun habe, die in schwierigen Lebenssituationen feststecken. Ich suche schon immer nach Freunden, die psychisch stabiler sind, als ich, aber es ist schwer für mich, weil ich sehr schüchtern bin und es mir schwer fällt, auf andere zu zugehen. Andererseits wäre ich auf der Arbeit ja nicht allein und hauptsächlich sind die Sozialpädagoginnen für die Leute zuständig. Wir würden dort auch im Team zusammen arbeiten und wahrscheinlich sind die Kollegen auch ganz nett. Das weiß man vorher alles nicht, aber wenn ich jetzt nicht zusage, dann muss ich weiter Bewerbungen schreiben und Vorstellungsgespräche führen, was auch ziemlich nervenaufreibend ist. Ich hätte jetzt auch einfach gerne einen Therapieplatz, weil ich mich im Moment einfach mit allem überfordert fühle, auch mit dem Essen ist es schwierig. Allerdings weiß ich ja auch gar nicht, ob diese Therapeutin die Richtige für mich ist. Ich habe halt schon sehr viel rum telefoniert und keiner hatte einen Platz frei, Wartelisten werden nicht mehr geführt und ich hab langsam keine Kraft mehr weiterzusuchen. Mich strengt das alles furchtbar an. Ich wünsche mir einfach jemand, der mir sagt, was ich tun soll, aber ich weiß auch das ich erwachsen bin und meine Entscheidungen selber treffen muss. Aber was wenn ich das nicht kann? Wenn ich mich unfähig fühle eine Entscheidung zu treffen? Ich habe in meinen Leben schon viele Entscheidungen getroffen, die nicht Richtig waren, wobei man auch nie weiß, wie es gewesen wäre, hätte ich mich anders entschieden. Also wirklich sagen kann ich das gar nicht, nur dass ich immer das Gefühl habe, alles was ich selbst entscheide, ist falsch. Sorry für das lange Wirrwarr. Ich bin grad ziemlich durcheinander.

Liebe Grüße
Aschenbuttel

Therapienetz
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Re: Fühl mich grad total überfordert

Beitragvon Therapienetz » Di 6. Dez 2016, 10:36

Liebes Aschenbuttel,

vielen Dank für deine Nachricht. Es ist überhaupt kein Wirr-warr was du geschrieben hast. Es wird deutlich in welcher Zwickmühle du dich momentan befindest. Allerding hast du es schon selbst gesagt, die Entscheidung, ob du den Job annimmst, ob du Vollzeit oder Teilzeit arbeitest und ob du Bescheid gibst, dass du an einem Tag später kommst, wird dir keiner Abnehmen können. Ich finde es aber wichtig, deine Gedanken und Gefühle ernst zu nehmen und zu berücksichtigen. So arbeiten z.B. viele Menschen Teilzeit. Z.B. weil sie gerne mehr Freizeit haben oder sich um ihre Kinder kümmern oder sich auch um sich selbst gut sorgen müssen. Ich denke, das ist also gar keine Schwäche sondern auch eine Stärke zu sagen, ich möchte nur Teilzeit arbeiten, da ich mich schütze und auf mich aufpasse. Eventuell kannst du ja auch Teilzeit beginnen und wenn du merkst, du schaffst die Arbeit gut, dann auf Vollzeit erweitern?
Sehr wichtig finde ich deinen Einwand, dass du wieder Therapie machen möchtest! Da stimme ich dir absolut zu. Gerade in solchen Situationen wäre es sehr hilfreich, eine enge Person zu haben, mit der über diese Themen gesprochen werden kann. Eventuell würdest du ja gar nicht so viel später zur Arbeit kommen, wenn die Therapie quasi von 8-9 Uhr gehen würde? Vielleicht kannst du wenigstens den ersten Termin bei der Therapeutin wahrnehmen um zu schauen, ob es sich lohnt. Wenn du deinem Arbeitgeber sagst, dass du zu der Zeit einen Arzttermin hast, kann er das vielleicht nachvollziehen.

Gibt es denn eine Beratungsstelle in deiner Nähe, zu der du gehen könntest und in Ruhe über deine Situation sprechen kannst?

Wichtig ist auch, es gibt keine falsche Entscheidungen. Man entscheidet immer in der jeweiligen Situation so, wie man es für das Beste hält. Im Nachhinein kann man eventuell feststellen, dass die Entscheidung in eine Sackgasse oder eine ungewünschte Richtung geführt hat. Aber dann gibt es immer auch die Möglichkeit wieder umzudrehen und einen neuen Weg einzuschlagen.

Nur Mut, es wird sich in jedem Fall eine Lösung finden.

Viele Grüße
Ruth Einstein
- Beraterin im Therapienetz Essstörung -


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