Ich schon wieder

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Moderator: Therapienetz

Aschenbuttel

Ich schon wieder

Beitragvon Aschenbuttel » So 26. Mär 2017, 21:41

Liebe Frau Einstein,

vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort. Heute geht es mir gut und das obwohl ich grad meine Periode habe und meine Eltern gestern da waren. Ich hab viel nachgedacht und bemerkt, dass ich mit der Arbeit und den Kollegen ganz zufrieden bin. Ich bin mir nicht sicher, ob ich nur 30 Stunden arbeiten will oder ob das die Essstörung will, weil eine Stimme in mir sagt, dass ich dann nicht mehr genug Zeit zum Sport habe. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich den Sport brauche, dass ich ohne ihn nicht leben kann. Heute kommt es mir wieder vor wie ein Zwang. Ich hab immer riesen Hunger, wenn ich die Periode habe, aber anstatt diesem Hunger nachzugeben, renne ich den ganzen Tag zum Sport, danach bin ich erstmal heulend zusammengebrochen. Erst als ich was gegessen habe, wurde es langsam besser. Wenn ich nichts esse, bekomme ich oft richtige Angstzustände. Ich weiß nicht vor was ich Angst habe, aber diese Angst ist kaum auszuhalten. Ich frag mich grad, wieso ich obwohl ich das weiß, nicht mehr essen kann, wenn ich meine Periode habe. Ich frag mich, ob das mit meinem traumatischen Erlebnis aus der Kindheit zusammen hängt. Ich frag mich, ob ich das Trauma je bearbeiten kann, wenn ich die Essstörung nicht in den Griff bekomme. Ich hab natürlich auch Angst mich mit dem Trauma auseinanderzusetzen. Ich will gar nicht, dass soviel aufgewühlt wird, ich will nur wieder normal essen können. Es ist alles so zwanghaft bei mir. Der eigentliche Grund, warum ich mich auf eine andere Stelle beworben habe, war der, dass ich glaube, dass ich aus dieser Essstörung alleine nicht mehr raus komme. Am liebsten würde ich nochmal in eine Klinik gehen, auch wenn ich nicht sicher bin, ob man mir da helfen kann. Ich weiß nicht, ob ich es ambulant schaffe. Ich war zwar früher schon öfter in Kliniken und da hab ich diesen Bewegungsdrang erst entwickelt, weil ich essen musste, davor war mein Leben nicht so zwanghaft, aber ich war lebensbedrohlich krank. Ich habe Angst davor, wenn ich wieder in eine Klinik gehe, dass ich dann noch mehr Zwänge entwickle. Außerdem brauche ich einen festen Arbeitsplatz, an den ich wieder zurückkehren kann. Ich brauch eine Arbeitsstelle, die es mir erlaubt, auch einmal krank zu sein. Es ist schwer so eine Arbeit zu finden und ich will auch nicht, dass andere meine Arbeit mitmachen müssen, aber in einem großen Unternehmen, würde das sicher irgendwie gehen. Da wo ich jetzt bin, bin ich die einzige Verwaltungsangestellte, es gibt niemand, der mich vertreten kann. Wie soll ich da je nochmal für ein paar Wochen in eine Klinik können? Aber ein Neuanfang kostet soviel Energie und Kraft und woher soll ich die nehmen, wenn ich nicht ausreichend essen kann? Was wenn ich die Probezeit nicht durchhalte? Ich kann das mit dem Essen und dem Sport einfach nicht mehr steuern, aber würde ich jetzt in einen Klinik gehen (was sowieso nicht ginge, wegen der langen Wartezeiten), dann wär ich nach der Klinik arbeitslos und hätte meinen Lebenslauf noch weiter ruiniert. Ich würde dann womöglich nie mehr eine Arbeit finden. Was soll ein mehrwöchiger Klinikaufenthalt auch bewirken, wenn ich danach wieder in ein tiefes Loch falle, weil es keine Perspektiven gibt. So war es immer, ich kam raus und war erstmal arbeitslos, hab dann Sport bis zum Umfallen gemacht und der Teufelskreislauf ging von vorne los. Ich weiß, dass mir die Essstörung Sicherheit gibt und diese Sicherheit brauche ich grad so sehr.

Liebe Grüße
Aschenbuttel

Therapienetz
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Re: Ich schon wieder

Beitragvon Therapienetz » So 23. Apr 2017, 19:46

Liebe Aschenbuttel,

aus ihrer Mail wird deutlich, dass sie sich in einer Zwickmühle fühlen. Einerseits die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren und eventuell ganz den Anschluss zu verlieren. Andererseits die körperliche Erschöpfung zu spüren und zu merken, dass die Kräfte schwinden. Dies ist sicherlich eine schwierige Situation. Zudem hört man klar heraus, dass sie sich wünschen, aus dem Teufelskreis der Essstörung und des Bewegungsdrangs auszusteigen und ein gesundes Leben zu führen.
Da sie ja auch schon verschiedene Ansätze mit Kliniken oder Therapie gemacht haben, fände ich es gut, langfristig zu denken und zu planen. Was halten sie davon, einen langfristigen Plan auszuarbeiten, der sie auf dem Weg zur Gesundheit begleitet? Ich denke dabei z.B. an folgenden Ablauf:
- Klinikaufenthalt zur Verringerung der Essstörungssymptomatik und Eingrenzung des Bewegungsdrangs
- anschließender Klinikaufenthalt zur Bearbeitung des Traumas
- anschließender Aufenthalt in einer therapeutischen Wohngemeinschaft, um an der Thematik dran bleiben zu können und dennoch den Einstieg in den Berufsalltag wieder aufnehmen zukönnen.
- Zunehmende Verselbständigung evtl. mit Begleitung durch ein Einzelbetreutes Wohnen.
Während diesen Schritten wäre eine begleitende ambulante Therapie hilfreich und notwendig.

Die Wartezeiten für einen Klinikaufenthalt sind meist lange, da haben sie recht. An welche Klinik hätten sie denn gedacht und wo leben sie so ungefähr? Eventuell können wir sie ja auch über die Beratung bzw. über die Integrierte Versorgung auf ihrem Weg begleiten? Wäre ein persönlicher Termin, auch anonym möglich, denkbar?

Viele Grüße
Ruth Einstein
Beraterin im Therapienetz Essstörung


Zuletzt als neu markiert von Anonymous am So 23. Apr 2017, 19:46.


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