Wollte mich bedanken

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Moderator: Therapienetz

Aschenbuttel

Wollte mich bedanken

Beitragvon Aschenbuttel » Mi 26. Apr 2017, 20:27

Liebe Frau Einstein,

vielen Dank für die vielen Vorschläge. Ich war jetzt bei einer Beratungsstelle, die ich von einem Bekannten empfohlen bekam. Dort habe ich eine Adresse von einer Traumatherapeutin bekommen, bei der ich morgen einen Termin habe. Allerdings wussten die nicht genau, inwieweit die sich auch mit Essstörungen auskennt. Deswegen habe ich noch eine zweite Adresse bekommen von einer Therapeutin, die sich sehr gut mit Essstörungen auskennt, aber keine Traumakonfrontation macht. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, wie das gehen soll, wenn man sich wie ich an kaum etwas erinnern kann. Meine Freundin, die viel dünner ist als ich und mir ständig sagt, dass ich zu dünn wäre, meinte natürlich geh zu der Therapeutin, die sich gut mit Essstörungen auskennt. Meine Psychiaterin meinte wiederrum, dass sich alle Therapeuten ein wenig mit Essstörungen auskennen und sie glaube, dass die Essstörung aus dem Trauma resultiert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich durch eine Traumatherapie plötzlich normal essen kann. Mich begleitet die Essstörung schon so lange, dass ich auch wenn ich furchtbar leide, Angst habe, wie leer mein Leben dann plötzlich wäre. Ich hab nur wenig Freunde und wenn dann solche, die mir nicht gut tun. Ich glaub, ich würde in ein ganz tiefes Loch fallen, in ein Loch ohne Boden. Die Beschäftigung mit Essen bestimmt mein ganzes Leben, ich gehe auf die Arbeit, damit ich abgelenkt bin vom Essen und denke gleichzeitig dauernd an die Mittagspause, wenn die rum ist, denke ich drüber nach, was ich für abends nach der Arbeit noch zum Essen einkaufen muss. Ich komm mir vor wie eine Maschine, ich funktioniere unter der Woche ganz gut, aber sobald das Wochenende kommt, dreht sich alles darum, wie viel ich mich bewegen muss und wie viel ich essen darf. Die Essstörung vereinnahmt mich total, aber so spüre ich wenigstens nicht, wie einsam ich doch bin. Letztes Wochenende war es ganz schlimm, ich hab mir auf einmal so sehr gewünscht, dass jemand da wäre, der mich in den Arm nimmt und tröstet, weil ich so traurig war, aber das kann die Essstörung nicht und auch eine Therapeutin kann das nicht ersetzen. Therapeutinnen sind keine Freunde, aber ich klammere mich immer so sehr an sie, dass ich nicht los lassen kann. Ich entwickle immer so eine starke Abhängigkeit. Mir ist das echt peinlich, wie sehr ich mich an Menschen klammere, aber die Leere wird immer bleiben, das Gefühl nicht geliebt zu werden. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt in der Lage bin, jemanden zu lieben. Ich fühl mich wie ein Kind hilflos und klein und allem ausgeliefert.

Liebe Grüße
Aschenbuttel

Therapienetz
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Re: Wollte mich bedanken

Beitragvon Therapienetz » Sa 27. Mai 2017, 09:35

Liebe Aschenbuttel,
es kann gut sein, dass die Essstörung aus dem Trauma resultiert und somit eine Behandlung des Traumas auch eine Veränderung im Essverhalten mit sich bringt - zumindest langfristig gesehen. Kurzfristig könnte es sein, dass sich die Essstörung nochmal stärker zeigt um von den traumatischen Erfahrungen abzulenken. Vermutlich ist es auch wichtig das Gefühl der inneren Leere anzusprechen. Evtl. hat dies mit der traumatischen Erfahrung zu tun...
Ihre Angst, was sie mit ihrer freien Zeit anfangen, wenn die Essstörung weg wäre kann ich gut verstehen. Auch andere Betroffene haben vor diesem Schritt Ängste. Das gut an einer Therapie ist, dass die Veränderungen nicht plötzlich von heute auf morgen kommen sondern schleichend. Das bedeutet, dass sie auch Zeit haben die Veränderungen nach und nach in ihrem Alltag umzusetzen und nicht nur ihr Essverhalten zu verändern sondern ihr Leben - neue Freundschaften aufbauen, Hobbies suchen, etc. Zudem nehmen die Gedanken an das Essen ab, je weniger die Essstörung an Dynamik und Kraft hat. So können auch wieder andere Bereiche wichtiger werden und mit neuem Leben gefüllt werden.

Ich finde es toll, dass sie den mutigen Schritt gewählt haben und sich an die Beratungsstelle gewandt haben. Dies hat ihnen neue Möglichkeiten eröffnet. Ich hoffe, die Termine sind gut für sie verlaufen und evtl. ergeben sich dadurch neue Schritte?

Ich wünsche ihnen viel Mut, Kraft und Energie für die kommende Zeit!
Ruth Einstein
Beraterin im Therapienetz Essstörung, München


Zuletzt als neu markiert von Anonymous am Sa 27. Mai 2017, 09:35.


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