Einschätzung?

Hier können Betroffene, Angehörige und FreundInnen alle Fragen zu dem Thema Beratung stellen. Egal, ob du wissen möchtest, wie ein Beratungsgespräch abläuft, wo die nächste Beratungsstelle bei dir vor Ort ist oder du dir eine Ersteinschätzung zu deiner Situation holen möchtest – wir Beraterinnen beantworten gern alle deine Fragen.

Moderator: Therapienetz

Owl89

Einschätzung?

Beitragvon Owl89 » So 8. Okt 2017, 22:30

Hallo,


ich bin seit einiger Zeit immer am hin und her überlegen, ob bei mir eine Therapie notwendig wäre (oder es auch andere Wege/Möglichkeiten gibt). Oft habe ich das Gefühl, dass ich eigentlich nur eine gewisse geistige Ordnung reinbringen müsste, daher bin ich etwas verunsichert, ob eine Therapie nicht schon ein Step zu viel wäre.
Daher einfach mal hier im möglichst kurzen Abriss "meine Geschichte":

Bei mir begann das mit dem zu viel essen wollen eigentlich schon mit 7 Jahren. Ab da kann ich mich zumindest daran erinnern und auch daran, dass meine Mutter versucht hat gegenzusteuern. Sie hat sich bemüht mich für Sport zu begeistern (was eher nach hinten los ging, da sie mich aus Verzweiflung auch teilweise einfach dazu gezwungen hat. Es hat jedenfalls Jahre benötigt bis ich als junge Erwachsene irgendwann wieder ein positives Verhältnis zu Sport entwickelte). Darüber hinaus hat sie natürlich versucht Regeln zu schaffen, zb abends nur anderthalb Schnitten, nur ein Teller zum Mittagessen usw. Eigentlich alles legitim, ich weiss, dass es auch als Eltern nicht einfach ist da den richtigen Weg zu finden. Noch dazu sie selber nie Probleme mit dem Gewicht hatte. Mein Vater war da anders. Er hat mich viel gewähren lassen, neigte selbst zu Essanfällen. Er neigte leider auch zu heftigen Extremen (starke Abnahme darauf wieder starke Zunahme usw). Er ging aber sehr offen damit um, redete mit mir darüber, verstand mich in meiner Jugend sehr gut.
Mit 14 dann die erste Salatdiät. Danach dann irgendwann wieder zugenommen. Nach einer Trennung wieder [viel] abgenommen, danach ungefähr [noch mehr] zugenommen.
Meine ganze Jugend durch aß ich heimlich, damit es meine Mutter nicht mitbekommt. Mein gesamtes Taschengeld ging dafür drauf. Hin und wieder aß ich heimlich Dinge weg und ersetzte sie am nächsten Tag im Schrank. Ich wusste wenn es meine Mutter mitbekommt würde sie wieder das Gespräch suchen, mir reinreden, das wollte ich nicht.
Ich aß teilweise enorm viel: [Beispiel]usw.
Mit 18 wog ich [X]. Mit 21 nahm ich wieder ab, bis [X], dann wurde ich schwer krank (Schilddrüse). Ich litt enorm unter den vielen Fehldiagnosen bis man endlich herausfand was los ist. Und selbst mit den L-Thyroxin wurde es nicht mehr wie früher. Ich nahm danach ungefähr [X] zu. Sport ging das erste Jahr mit meiner Schilddrüse und den Tabletten absolut nicht (die Dosis wurde stetig gesteigert und dadurch rutschte ich immer kurze Zeit in die Überfunktion, ergo schnelles Herzpochen beim Sport, Kurzatmigkeit usw. mein Körper war wie unter Dauerstress).
Also war ich wieder weg vom Sport (den ich in der Zeit der Abnahme für mich "wiederentdeckt" hatte und das nicht krankhaft, einfach zweimal die Woche mit einer Freundin, es war ein toller Ausgleich).
Die [X]kg nahm ich vor allem aus Frust zu und den Problemen die durch meine Schilddrüsenerkrankung entstanden (Panikattacken).
Ich nahm die [X]kg in ungefähr einem Jahr zu und aß Unmengen, teilweise über den ganzen Tag verteilt.
Mit ungefähr 23 begann ich wieder abzunehmen. Die Tabletteneinstellung wurde besser (pegelte sich halbwegs ein), ich bekam jedoch auch zusätzlich etwas gegen die Panikattacken/Angststörung.
Bei letzterem bin ich bis heute der Überzeugung, dass dies irgendwas mit meinem Hormonhaushalt zu tun haben muss. Die Angststörung ist nicht kausal, sondern mein Körper reagiert einfach wie auf Angst (Übelkeit, Zittern, Durchfall usw.) während mein Kopf vor nichts wirklich Angst empfindet. Ich vergleiche es gerne mit Prüfungsangst, nur dass da keine Prüfung ist. Hier bin ich übrigens bereits seit Jahren in Behandlung und die Ärzte können mir diesbzgl nicht wirklich helfen. Sie halten eine Psychotherapie nicht für den richtigen Weg, weil es scheinbar von meinem Körper ausgelöst wird. Es wurde daraufhin alles mögliche getestet, aber wirklich weiter sind wir da auch nicht gekommen und die Ärzte sind mit ihrem Latein am Ende. Unter anderem wurde zb ein leicht erhöhter Cortisolspiegel festgestellt der aber keinem Krankheitsbild entspricht und erklären kann man es sich auch nicht.
Lange Rede kurzer Sinn, mit Tabletten komme ich ganz gut klar, und werde auf lange Sicht auch immer wieder mal versuchen die Tabletten (nicht die Schilddrüsenhormone) abzusetzen. Das ist ebenso mit meiner Ärztin besprochen, da ich schon seit Jahren derart stabil bin, dass man das ohne Probleme immer mal wieder versuchen kann.
Mit 23 nahm ich dann ungefähr 2[X]kg ab ([Angabe]). Seitdem pendele ich immer zwischen [X]. Phasen in denen ich viel zu viel esse, folgen Phasen in denen ich kontrolliert abnehme (jedoch ohne großartiges Hungern, mit mind 1000kcal pro Tag und viel Protein und Gemüse).
In den Fress-Phasen ernähre ich meistens sehr ungesund, viel Süßigkeiten.
Jetzt pendele ich seit Jahren hin und her und ich hasse es. Ich hasse es weil ich kein Gleichgewicht finde und mit den Jahren auch einfach eine Wut gegen mich selber aufgebaut habe. Ich bin enttäuscht von mir selber einfach kein natürliches Verhältnis zum Essen entwickeln zu können. Dabei weiss ich sehr viel über gesunde Ernährung, Ernährung so wie sie bei mir sein müsste. Ich weiss, dass das ein Problem ist welches mich mein ganzes Leben begleiten wird, aber ich mag einfach nicht mehr meine Gesundheit so gefährden (ich empfinde das Übergewicht nicht gerade als positiv für meine Gesundheit, Selbstbewusstsein usw). Zeitgleich ist Essen einfach überall in meinen Gedanken. Ich frage mich manchmal wie es ist, einfach mal keine einzige Stunde an Essen zu denken. Ganz nach dem Prinzip: Wenn ich nicht gerade esse, denke ich darüber nach, was ich als nächstes essen könnte.
Zu Bulimie habe ich jedoch noch nie geneigt.
Mittlerweile bin ich jedenfalls 28 Jahre alt und möchte einfach einen Weg für mich ins Gleichgewicht finden. In ein möglichst natürliches Verhältnis.

Jetzt würde mich einfach mal eure Einschätzung interessieren? Meint ihr das ist ein Ausgangspunkt wo man durchaus auch ohne Therapie, mit viel Eigeninitiative, aus der Esssucht, dem hin und her, rauskommen kann? Was hättet ihr so für Tipps an mich?


Vielen Dank vorab,
Owly89
Zuletzt geändert von Lune am Mo 9. Okt 2017, 20:06, insgesamt 1-mal geändert.
Grund: Ich habe die genauen Gewichtsangaben editiert, da si den Regeln widersprechen. Inhaltlich denke ich, dass die genauen Gewichtsangaben für das Verständnis der Frage auch nicht zwingend erforderlich sind. Gruß, Lune

Therapienetz
Beiträge: 26
Registriert: Di 3. Jul 2001, 12:00
Wohnort: München

Re: Einschätzung?

Beitragvon Therapienetz » Mo 30. Okt 2017, 23:17

Hallo Owl89,

oh Mann, da haben Sie ja echt schon einiges durch mit Diagnosen und Behandlungen und Tabletten, das kann ich mir vorstellen, waren sicher schwierige Zeiten.
Ihre Frage war ja, ob eine Psychotherapie für Sie notwendig ist.
Meine Antwort ist ein klares JA, auch wenn Ärzte das anders sehen. Ich denke aber dass Sie unabhängig von körperlichen Symptomen und Erkrankungen ein problematisches Verhältnis zum Essen haben, ich meine damit dass Essen für Sie mit bestimmten Emotionen verbunden ist, die eigentlich nichts mit Essen zutun haben sollten. Außerdem sind Sie in Ihrer Kindheit wohl durch Ihre Eltern mit sehr unterschiedlichen Herangehensweisen ans Essen konfrontiert gewesen, was sicher noch immer in Ihnen wirkt. Vor allem dass Sie sich gedanklich aber permanent mit Essen( Nicht Essen beschäftigen, spricht schon für eine Essstörung.
Und Sie schildern gleich am Anfang Ihrer Mail, dass Sie eine gewisse geistige Ordnung brauchen - genau das ist Therapie, denn diese Ordnung wird Ihnen helfen, für sich einen neuen, guten Plan zu entwickeln. Außerdem denke ich, dass Sie zu einer Ernährungstherapeutin oder - Beraterin gehen sollen die sich mit dem Thema Essstörungen auskennt, denn das Salat Essen kann durchaus dann wieder zu Heisshunger führen.
Sicher wäre es gut, wenn Sie sich einmal an eine Fachstelle/ Beratungsstelle wenden die Sie zum THema Essstörungen beraten kann und Ihnen dann auch Adressen und Unterstützungsmöglichkeiten an die Hand geben kann.
Wenn Sie mir nochmals schreiben wollen wo Sie wohnen dann kann ich Ihnen Adressen zukommen lassen oder Sie melden sich im Rahmen unserer Telefonberatung unter 089-72013678-0 da können Sie entweder direkt mit einer Beraterin verbunden werden oder Sie werden zurückgerufen.
Ich hoffe das hilft Ihnen weiter und wünsche Ihnen alles Gute.
Viele Grüße
Kristina D'Agostini


Zuletzt als neu markiert von Anonymous am Mo 30. Okt 2017, 23:17.


Zurück zu „Fragen an BiTE - Beratungsstelle im Therapienetz Essstörung“