Wenn dünn sein das einzige Lebensziel ist

Hier können Betroffene, Angehörige und FreundInnen alle Fragen zu dem Thema Beratung stellen. Egal, ob du wissen möchtest, wie ein Beratungsgespräch abläuft, wo die nächste Beratungsstelle bei dir vor Ort ist oder du dir eine Ersteinschätzung zu deiner Situation holen möchtest – wir Beraterinnen beantworten gern alle deine Fragen.

Moderator: Therapienetz

Angsthäschen
Beiträge: 108
Registriert: Di 6. Jan 2015, 22:07

Wenn dünn sein das einzige Lebensziel ist

Beitragvon Angsthäschen » So 22. Mär 2015, 14:17

Hallo liebes Beraterteam,
damit dieses Forum nicht leer bleibt ;) stell ich jetzt mal eine Frage. Ich war früher magersüchtig und wurde mehr oder weniger zur Gewichtszunahme gedrängt, weil es so nicht mehr weiter ging. Trotzdem habe ich es geschafft nach mehreren Klinikaufenthalten weiter bis zum Normalgewicht zuzunehmen. Ich hatte immer wieder Phasen, in denen ich leicht ins Untergewicht gerutscht bin, jedoch nie mehr weit. Grad bin ich im Normalgewicht und empfinde mich manchmal sogar noch als zu dünn. Trotzdem habe ich den starken Wunsch wieder abzunehmen. Ich schaffe es teilweise Wochen lang mich nicht zu wiegen und habe auch nicht das Bedürfnis danach, aber jetzt habe ich mich mal wieder gewogen und hatte ein bisschen zugenommen, konnte mich aber auch viel besser konzentrieren und habe regelmäßig gegessen, eigentlich wäre das ein Erfolg gewesen, aber ich hab jetzt wieder abgenommen und fühle mich sehr schwach. Meine Freundin hat gestern gemeint dass ich so blass aussehe. Mir ging es auch nicht gut. Hab trotz meines starken Heuschnupfen soviel Sport gemacht, dass mir auf einmal ganz schwindlig war, trotzdem bin ich dann noch mit ihr schwimmen gegangen und tatsächlich habe ich heute morgen weniger gewogen und war total happy. Gleichzeitig bin ich wütend auf mich, weil ich bald eine neue Arbeit anfange und da total fit sein muss. Wurde die letzten Male gekündigt und will dass das nicht noch mal passiert. Ich bin so verzweifelt, weil ich wahnsinnige Angst habe wieder zu versagen und genau weiß, dass ich genug essen muss, aber gleichzeitig Angst habe, dass ich zu viel esse und zu wenig Sport mache. Aber ich weiß, dass arbeiten anstrengend ist und ich mich mit dem Sport zurück nehmen muss, ich weiß nur nicht, wie ich das schaffen soll. Mir macht nichts mehr Freude, außer die Beschäftigung mit Essen und Sport und Fernsehen. Ich habe nicht mal mehr Lust mich mit Freunden zu treffen, weil ich nicht weiß, was ich mit denen reden soll. Entweder wir reden über Krankheiten, Arbeitslosigkeit, Mobbing, Krieg oder den Weltuntergang. Ach ja manchmal auch über irgendwelche blöden Fernsehserien nach denen ich schon fast süchtig bin, seit ich arbeitslos bin, weil den ganzen Tag Sport mache ich auch nicht. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich am Leben vorbei lebe. Ich bin sehr leistungsorientiert, deshalb möchte ich auch Vollzeit arbeiten. Ich kann mich aber an nichts freuen. Arbeiten will ich vor allem weil ich dann abgelenkt bin und nicht mehr den ganzen Tag ans Essen denke und damit ich unter Menschen komme. Ich habe aber auch Angst, weil ich es gar nicht mehr gewöhnt bin in Gesellschaft zu essen und ich muss ja zumindest mittags was essen. Ich möchte die Zeit jetzt noch genießen, weil wenn das Arbeiten los geht, brauche ich meine ganze Kraft und habe womöglich am Wochenende gar keine Energie mehr. Jetzt hab ich Zeit und bin allein und habe bei jedem Bissen, den ich esse ein schlechtes Gewissen, dabei muss ich jetzt alles tun, dass ich das schaffe, was vor mir liegt und darf mich von der Essstörung nicht so vereinnahmen lassen. Morgen habe ich einen Termin bei meiner Psychiaterin, habe schon überlegt, ob ich andere Tabletten benötige oder doch nochmal eine ambulante Psychotherapie. Aber Verhaltenstherapie zahlt meine Kasse nicht mehr und es ist außerdem völlig unmöglich eine Psychotherapeutin zu finden, die abends Termine frei hat und wenn ich eine neue Arbeit anfange kann ich ja nicht einfach mal so weg. Ich bin so verzweifelt und weiß dass ich mich freuen müsste, dass ich nach langem Suchen wieder eine Arbeit gefunden habe. Ich weiß auch gar nicht, was es mir bringt so dünn zu sein, nur dass mich keine Männer einfach so an grabschen und dass ich mich unglaublich stark fühle, wenn ich dem Essen wieder stehen kann und es schaffe viel Sport zu machen. Ich wünschte mir, ich hätte ein anderes Lebensziel. Aber welches? Ich hatte auch noch nie einen Freund, weil ich schon Angst bekomme, wenn mich ein Mann nur anschaut. Mich macht das alles so traurig. Gibt's etwas wofür es sich lohnt gesund zu werden? Mir macht alles Angst!
Liebe Grüße
Angsthäschen

Therapienetz
Beiträge: 26
Registriert: Di 3. Jul 2001, 12:00
Wohnort: München

Re: Wenn dünn sein das einzige Lebensziel ist

Beitragvon Therapienetz » Mi 15. Apr 2015, 16:41

Hallo liebes Angsthäschen,

bitte entschuldige, dass ich erst jetzt schreibe. Ich hatte Probleme mit mit meinen Zugangsdaten anzumelden. Vielleicht hast du ja zwischenzeitlich schon angefangen zu arbeiten und deine Situation ist schon wieder anders, das weiß ich nicht genau. Daher antworte ich dir nun einfach auf deine Email.

Ich finde es super, dass du dich hier gemeldet hast und nach Möglichkeiten fragst, was du tun kannst. So wie du deine Situation beschreibst, scheint die Essstörung sich wieder langsam aber sicher breit zu machen und deine Gedanken zunehmend zu steuern. Eventuell spielt der bevorstehende Arbeitsbeginn eine wichtige Rolle hierbei. Deiner Beschreibung nach kam bei mir die Idee auf, ob deine Essstörung eventuell auch eine Art Schutz bedeuten kann. Schutz vor der Außenwelt, Schutz vor zu vielen Anforderungen... Zudem vermittelt es dir wohl eine Art Stärke, die dir hilft. Daher hat die Essstörung wohl schon so etwas wie einen positiven Nebeneffekt für dich. Leider gibt es aber eben auch die negative Seite: du wirst körperlich schwächer und deine Gedanken sind nicht mehr so frei.

Ich fände es super, wenn du dir Unterstützung sucht, eventuell eine Beratungsstelle oder eine Therapeutin oder vielleicht auch wieder eine Klinik. Bei solchen Unterstützern kannst du deine Gedanken und Themen besprechen und überlegen, für was lohnt es sich, die Essstörung aufzugeben. So wie es scheint, fehlt dir hier noch eine Perspektive. Diese kann erarbeitet und gestaltet werden.

Nur Mut, du wirst deinen Weg sicherlich finden und dich damit wohlfühlen können.

Viele Grüße
Ruth Einstein
Beraterin im Therapienetz Essstörung


Zurück zu „Fragen an BiTE - Beratungsstelle im Therapienetz Essstörung“