Überlebensstrategie

Wer bin ich? Wer ist noch hier? Was hindert mich daran normal zu essen? Was steckt hinter meiner Essstörung?

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Newton
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Überlebensstrategie

Beitragvon Newton » So 4. Jan 2015, 14:10

zur Anknüpfung an den Beitrag aus dem alten Forum...

da dieser Thread im alten Jahr noch sehr aktiv war, habe ich mal die letzten Beiträge hier herein kopiert:

Liebe Lisa. hug ,

gerne schreibe ich jetzt eine Antwort und meine Gedanken dazu. hoffentlich nicht zu durcheinander...

Was ich über "die Anderen" geschrieben habe, die es ja so wunderschön und leicht haben, hat mich nachdem ich es hier 'gelassen' habe noch weiter beschäftigt. Dazu ist mir aufgefallen, dass der Neid von dem ich schrieb wohl darin begründet liegt, dass ich den Anderen auch unterstelle, dass sie eine Wahl haben: sie dürfen aussuchen, ob sie sich für Projekte entscheiden, promovieren oder eine Familie gründen. Zwar habe ich auch geschrieben, dass ich weder das eine noch das andere möchte, aber irgendwie weiß ich auch, dass ich in meiner Entscheidung keine wirkliche Wahlfreiheit hatte.

Warnung! Spoiler!


Antwort auf:
Was einem in so frühen Jahren schon eingetrichtert wird, das verfestigt sich mit der Zeit als "gefühlte Wahrheit".


...ja, so verhält es sich. Leider. Ich sehe das genauso wie Du! Und ich glaube, um genau mit dieser "Wahrheit", diesem Gefühl leben zu können, 'brauche' ich die Bulimie. Immer noch.

Trotz Therapie und Aufarbeitung komme ich gerade zu dem Schluss, dass ich es nicht geschafft habe (wieder 'schaffen- müssen') so weit Distanz zu bekommen, dass ich mich anders behandeln kann.

Warnung! Spoiler!


Antwort auf:
Gäbe es für dich vielleicht irgendeine "ungefährliche" Kleinigkeit, an der du üben könntest, deinen Ansprüchen mal nicht gerecht zu werden?


Es hat mich sehr getröstet, dass Du von Dir geschrieben hast- davon, wie Du damit umgehst und wie Du übst nicht immer gleich 110% von Dir zu verlangen. Natürlich weiß ich auch, dass es bestimmt viele hier so erleben. Aber Deine Worte kamen da zur richtigen Zeit. Ich habe sehr darüber nachgedacht und glaube, ich könnte eine 'Versuchswiese' im Nichtputzen probieren. Natürlich bekommt das niemand außer mir mit, aber ich denke, es würde ein gutes Probierfeld sein. Auch deshalb, weil ich dadurch vielleicht etwas mehr ruhige Zeit in der Woche für mich hätte, die ich sehr gut brauchen könnte. Nach der Arbeit nicht noch mit 180km/h hier einfallen und direkt weiter Dinge machen müssen. Meine Wohnung versumpft nicht, wenn ich mal nicht ständig hinterher bin. ...ich probiere es einfach - und schreibe gerne, wie's gelaufen - und wie es mir dabei gegangen ist.

So wehleidig oder selbstmitleidig wie derzeit hier war ich wohl schon lange nicht mehr. Es erstaunt mich selber, wie betroffen und gleichzeitig nüchtern ich mich betrchten kann.

...und ich habe mich sehr gefreut, dass Du mich gelesen und mir so mitfühlend geantwortet hast und mir so viele Denkanstöße gegeben hast. Sei bedankt hug! Und komme Du gut in die Woche. Alles Liebe Dir.

(..und bitte (mein Text ist so unglaublich lang geworden) fühle Dich nicht überladen. Deine Antwort hat nur so viel 'angetippt', dass ich viel zu schreiben habe)

Cornflakes

Nachtrag: ...und überhaupt habe ich noch nie so viel gespoilert in den ganzen Jahren, in denen ich hier bin ... und ich habe auch noch nie so viel von mir geschrieben, wie gerade derzeit verwirrt


Liebe Cornflakes,

ja, ich denke, ich verstehe, was du mit "Wahlmöglichkeit" meinst. Aber mich beschleicht da so ein Verdacht... könnte es nicht sein, dass du den Anspruch an dich hast, Dinge nur zu machen, wenn du sie auch 100%ig (oder mehr zwinkern ) machen kannst? Denn ganz rein theoretisch hättest du ja auch die Wahl. Aber es klingt, als würdest du die Wahl dadurch abschmettern, dass du es nicht "perfekt" machen könntest.
Für Kinder "zu gestört", für wissenschaftliche Projekte "nicht genügend Energie".
Bevor du es nicht 100%ig machen kannst, lieber gar nicht erst?
Und noch ein weiterführender Gedanke: Wenn dem so ist, steckt da nicht auch wieder "So, wie ich bin, bin ich nicht gut genug" drin? Mit der Energie, die dir zur Verfügung steht, reicht es für wissenschaftliche Projekte nicht? Mit der Liebe, die du zu geben bereit bist, reicht es fürs Muttersein nicht?

Das sind nur meine Gedanken zum Thema. Wenn das für dich nicht passt / sich nicht stimmig anfühlt, dann nichts für ungut. hug

Mir geht es auch gar nicht darum, dass du irgendwas davon umsetzen können solltest oder so. Es geht mir eher um die innere Freiheit. Um das Gefühl, eine Wahl zu haben. Das macht schon so enorm viel aus. (Bei mir ein großes Thema, deswegen komme ich wahrscheinlich darauf schuechtern )

Original geschrieben von: Cornflakes
Es macht mir Kummer und es kann manchmal noch sehr brennen, wenn in meinem Kopf die Stimmen von früher sprechen "du bist zu fett" , "Du bist zu laut" ...und die verachtenden Blicke..., beleidigende Kommentare...

Oje, das ist auch wirklich unheimlich schmerzhaft. troest Damit wurde ja quasi ALLES von dir kritisiert. Dein Inneres, dein Äußeres... was blieb da noch von der kleinen Cornflakes übrig? traurig
Danke für dein Vertrauen, mir das zu schreiben! Ich kann das so gut nachfühlen. hug
Ich war auch "fett" (laut den anderen Kindern) und zu "redselig" (laut den Erwachsenen).
Aber war das nicht Lebensenergie? Kraftvoll, laut und stark? Heute wünschte ich, ich hätte ein bisschen davon behalten. Wie traurig, dass das alles zerstört wurde, oder?

Hör bitte auf deine innere Stimme, die schreien und toben will, dass das unfair war. Ich bin mir sicher, sie hat recht!

Original geschrieben von: Cornflakes
ich könnte eine 'Versuchswiese' im Nichtputzen probieren

Oh ja, das liebe Putzen... da musste ich auch sehr üben, meinen Ansprüchen mal nicht gerecht zu werden. Wie lange habe ich gebraucht, nicht zu befürchten, ich würde "im Dreck verkommen", nur weil die Müslischale mal nicht direkt in der Spülmaschine landet... schuechtern
Und ich habe dann wirklich mit solchen vermeintlichen "Kleinigkeiten" angefangen. Ganz bewusst mal etwas liegen gelassen und ausgehalten. Und mittlerweile ist es bei mir schon so viel besser. Das wünsche ich dir auch!
Hast du in der Hinsicht denn schon mal ein bisschen ausprobieren können? Ich würde mich wirklich sehr freuen, von dir zu lesen, wie es dir damit geht.

Original geschrieben von: Cornflakes
So wehleidig oder selbstmitleidig wie derzeit hier war ich wohl schon lange nicht mehr.

Weißt du was? Ich erlebe dich überhaupt nicht so. Weder wehleidig, noch selbstmitleidig.
Auf mich wirkst du sehr ehrlich dir selber gegenüber. Und das finde ich total sympathisch. lachen hug

Ich wünsche dir ein schönes Wochenende!

Liebe Grüße
Lisa.


Liebe Lisa. , sehr habe ich mich über Deine Antwort gefreut ... Und ich möchte Dir auch ein Bedankt schicken :hug: - ganz herzlich. Deine Worte und Gedanken sind mir sehr hilfreich, stimmen mich nachdenklich und deshlab vielleicht auch ein wenig traurig - lassen mich aber vieles auch probieren und mich weiter wagen, ehrlich mit mir zu sein- und eine klarere Sicht zu gewinnen. Aufgefallen ist mir (vielleicht auch durch Deine Beiträge hier), dass ich eigentlich zu wenig bis fast gar nicht von mir spreche - im alltäglichen Leben. Mir fehlt schon seit einigen Jahren einfach eine wirklich gute Freundin. Das ist mir in den letzten Wochen aufgefallen. Und es schmerzt auch ein wenig, das so zu sehen. ...vielleicht sehne ich mich auch nach einer Phantasie ("wenn doch nur, dann würde ich...")- denn in den Zeiten, in denen ich nicht so 'alleine' war wie jetzt, habe ich auch nicht viel von mir preis gegeben und fühlte mich dadurch trotz der lieben Menschen um mich irgendwie alleine und nicht 'gemeinsam'.
könnte es nicht sein, dass du den Anspruch an dich hast, Dinge nur zu machen, wenn du sie auch 100%ig (oder mehr zwinkern ) machen kannst? Denn ganz rein theoretisch hättest du ja auch die Wahl. Aber es klingt, als würdest du die Wahl dadurch abschmettern, dass du es nicht "perfekt" machen könntest.
...ich habe mehrfach gelesen, was Du geschrieben hast und muss Dir leider zustimmen. Sehr wünschte ich irgendwie, dem wäre nicht so. Dein Verdacht trifft da ins 'Schwarze'. Ich glaube, ich habe es letztlich auch im Umkehrschluss erkannt: wenn ich einen kleinen Fehler mache, ist oftmals ALLES schlecht, was ich tue. Wenn ich an einer Stelle etwas nicht 'richtig' mache, dann laste ich mir das komplett an und all' das, was ich 'wirklich' bewirkt und noch so getan habe (außer der 'Stelle nicht richtig'), scheint daneben zu verschwinden und zu verschwimmen. Entsprechend ist es vielleicht auch leicht(er), Dinge nicht zu tun aus lauter Sorge, schon wieder ein Feld zu haben, in dem ich 'nicht genüge'. Und wenn ich die 'freie Wahl' habe, dann wähle ich natürlich 'sichere Dinge', solche auf denen ich mich auskenne - und wo ich glaube, ich komme einigermaßen hin. :gosh: Während ich Dir das schreibe fällt mir leider auf, wie leistungsorientiert das klingt - dabei beziehen sich meine Worte tatsächlicherweise nicht nur auf Leistung (wie Arbeit oder ähnlich)... Sie beziehen sich wahrscheinlich auf alles. So wie früher alles an und in mir falsch war oder mir zumindest falsch erschien.
Damit wurde ja quasi ALLES von dir kritisiert. Dein Inneres, dein Äußeres... was blieb da noch von der kleinen Cornflakes übrig?
Manchmal glaube ich, dass eigentlich nichts übrig geblieben ist und ich mich neu 'kreiert' habe... es zumindest versucht habe :( . Stimmt so vielleicht nicht, aber das 'Nichts-ist-richtig' ist mein Motor gewesen unbedingt anders zu sein, anders werden zu wollen - und nach so vielen Jahren kommt es mir manchmal wirklich so vor, als weiß ich eigentlich nichts von mir (was so auch nicht stimmen kann - aber irgendwie fehlt mir der sichere Bezug zu mir (ich kann es gerade nicht anders beschreiben und ich hoffe sehr, es ist verständlich)). Es hat mich getröstet, von Dir verstanden zu werden. Und: sei auch bedankt von mir, für Dein Vertrauen.
Hör bitte auf deine innere Stimme, die schreien und toben will, dass das unfair war. Ich bin mir sicher, sie hat recht!
:lachwein: ...ich würde es so gerne! es ist nur so unglaublich schwer - aber es macht mir Mut, sie nicht zum Schweigen zu bringen, sondern sie immer (mal) wieder zu hören und auch auf sie zu hören.
Wie lange habe ich gebraucht, nicht zu befürchten, ich würde "im Dreck verkommen", nur weil die Müslischale mal nicht direkt in der Spülmaschine landet... schuechtern
Jajajajajaja!!!, genauso ist das. Und ich habe tapfer kleine erste Schritte in die Imdreckverkommen-Richtung probiert: nicht gestaubsaugt, sondern erst 2 Tage später, nicht die ganze Wohnung gewischt (sofort), obwohl Handwerker da waren... Und es hat sich im ersten Moment eher doof -dann aber gar nicht mehr so sehr blöd angefühlt. In den letzten Tagen ist es mir nicht gut gegangen- eigentlich recht schlecht,viel traurig gegangen('klare Sicht zu wagen und zu haben ist traurig für mich)- aber vielleicht war das Unsaubertraining gerade deshalb ganz gut. Das Beste war: ich konnte ein wenig was anderes und etwas für mich machen und 'musste' nicht noch meine kleine freie Zeit mit Hausarbeit 'verschwenden'.ich gestehe aber: von den Gedanken an 'Verwarlosung' bin ich nicht sofort losgekommen :rotwerd: ...aber ich bleibe dabei zu probieren. Gerne möchte ich Dich noch fragen, ob Du einen 'Rettungsring' hast finden können?! das jedenfalls habe ich Dir gewünscht - Sprünge ins kalte Wasser sind oft so gnadenlos 'allein' ...das sollte es nicht. :hug: Dir wünsche ich einen guten Abend! Alles Liebe Cornflakes

Cornflakes
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Re: Überlebensstrategie

Beitragvon Cornflakes » Fr 9. Jan 2015, 12:36

Sei herzlich bedankt Newton (!), dass Du mein Thema 'rübergeschafft' und sogar meinen letzten Beitrag, die Antwort an Lisa., 'gerettet' hast. Sie ist mir so wichtig gewesen. Merci! Im Senden ist das alte Forum 'damals' abgestürzt und ich hatte wirklich Sorge, wo mein Geschriebens wohl gelandet ist - weil es nicht mehr auftauchte...und überhaupt.

Mir fällt es jetzt gerade (heute) schwer inhaltlich anzuknüpfen (es geht mir zu unruhig dafür), aber es freut mich, dass es wieder (leichter) möglich ist. ...und ich werde mein Thema sicher auch weiter 'beschreiben'.

Ganz viele liebe Grüße

Cornflakes

AnnaKL
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Re: Überlebensstrategie

Beitragvon AnnaKL » Mo 12. Jan 2015, 20:16

Hallo Zusammen,

ich habe manchmal noch Schwierigkeiten zu deuten warum es mim essen nicht geklappt hat oder ich vlt einen Rückfall hatte.

Hat hier jemand eine Idee wie ich das Analsysieren kann.?! Hatte in der Klinik das SORK-Schema gelernt, aber leider fällt es mir immer noch schwer.
Ich habe Ahnungen, aber keine Gewissheit ob das wirklich der Auslöser war für einen Rückfall.

Vielen Dank schonmal für eure HIlfe.

LG
Anna

Lilly_Nele
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Re: Überlebensstrategie

Beitragvon Lilly_Nele » Di 13. Jan 2015, 13:30

Ich habe auch immer Probleme zu deuten warum ich nen FA bekomme und warum es dann immer mit Erbrechen enden muss. Manchmal habe ich den Eindruck, das es pure Langeweile ist.

Oder was auch imme sich aufgestaut habe entläd sich dann eben in den Momenten in denen ich keine Zerstreuung habe.

Könnte das sein?

LG :)

Cornflakes
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Re: Überlebensstrategie

Beitragvon Cornflakes » Mi 14. Jan 2015, 18:06

Hallo Ihr beiden,

weil ich mich gefragt habe, warum ich grundsätzlich an der ES festhalte, warum ich sie "gewählt" habe und zu was sie mir "nützt und hilft" (auch wenn sich die äußeren Bedingungen von jetzt zu damals verändert haben), habe ich meine Gedanken dazu im alten Forum in das Thema hier gepackt. Weniger habe ich versucht im einzelnen den Auslöser für einen FA zu finden... Wahrscheinlich deshalb, weil ich gemerkt habe, dass etwas Grundsätzliches dahinter steckt, dass ich herausfinden muss/möchte, um es vielleicht verändern zu können.

Mir ist aufgefallen, dass es im Einzelnen viele 'Auslöser' für einen Rückfall geben kann: körperliche (Unterzuckerung, Übermüdung, Erschöpfung), emotionale (Stress, zu viel Wut, Traurigkeit, innere (An-)Spannung und sehr viel mehr), 'gedankliche/psychische' (Überzeugung, nichts wert zu sein, negative Grundeinstellung - zum Körper, zum Verhalten) ...und vielleicht auch sowas wie 'gelernte/automatische Reaktionen' (ich nenne es mal vorsichtig so) auf alltägliche Aufs und Abs'. Und ich sehe es so wie Ihr es geschrieben habt: es ist manchmal sehr schwierig den Auslöser zu finden - zumal auch nicht immer eine eindeutige/große/sofort sichtbare Ursache zu finden ist. (manchmal ist sie so latent..., dass sie nur schwer zu fassen ist?). Ich habe mich lange Zeit bemüht Auslöser zu finden - um vielleicht auch eine 'Regelmäßigkeit' zu entdecken und natürlich einen 'Grund', den ich leichter verstehen (und dann vielleicht umgehen) und ändern könnte. Einiges habe ich verstanden.

Ich für meinen Teilen 'brauche' die BU immer noch als Strategie/als Krüke, um mit Gefühlen umgehen zu können bzw. eigentlich eben gerade nicht umgehen zu müssen. ... Das finde ich nicht bei jedem Rückfall so deutlich 'beschrieben', aber mehrheitlich. Derzeit finde ich es für mich sinnhafter zu schauen, warum brauche ich die BU generell und nicht so sehr, "warum hat es jetzt gerade mit dem Essen nicht geklappt?" (kann man diese Unterscheidung verstehen?)

Aber ich finde Eure Fragen sehr wichtig! ...und ich möchte Euch so gerne ermutigen, weiter dahinter zu schauen und zu überlegen, was dahinter steckt - bei einem FA oder überhaupt hinter der ES. Anna, ich weiß nicht, was Dir am besten 'liegt'. Vielleicht bist Du jemand der gut für sich etwas aufschreiben kann und dann klarer eine Übersicht bekommt? oder bist Du in amb. Therapie und kannst dort überlegen, wie es Dir am besten gelingt dahinter zu gucken? Nach Schema lösen kann vielleicht auch eine Erleichterung sein (einen Einstieg zu finden) - selbst wenn es ungewohnt und frickelig ist das zu probieren? LilyNele, ich weiß natürlich nicht, ob es für Dich stimmt. Aber ich kann mir vorstellen (s.o.), dass es sehr viel mit innerer Anspannung und 'Stau' zu tun hat.

Ich schicke Euch liebe Grüße!

Cornflakes

Cornflakes
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Re: Überlebensstrategie

Beitragvon Cornflakes » Mo 19. Jan 2015, 14:33

ich habe jetzt schon ein schlechtes Gewissen, dass ich immer so 'schweres Zeug' schreibe - aber irgendwie ist mir zurzeit auch nicht leicht.
Ich habe vor einigen Wochen hier in dem Thema geschrieben, dass ich die BU als etwas erlebe, was übrig geblieben ist (aus der Vergangenheit und als Bewältigungsstrategie mal gut war) - aber ihren Zweck (in der Gegenwart) nicht mehr erfüllt... Dass das nicht stimmt, ist mir mittlerweile klar geworden- auch durch den Austausch hier. Die BU hat immer noch den Sinn, mich 'zu retten', wenn es innerlich zu turbulent wird. Und manchmal macht es mich total traurig, dass es noch 'funktioniert' und ich mir anders offensichtlich nicht zu helfen weiß.

In den letzten Tagen/Wochen ist mir aufgefallen, dass die BU nicht nur ein 'Gefühlsbewältiger' ist, sondern auch sehr stark noch ein Verhalten mit dem ich mir zu schaden versuche. Vielleicht kommt da das Wort 'Strategie' nicht mehr so ganz hin. oder doch? Ich frage mich gerade ob es mir nur gelingt das Leben 'auszuhalten', wenn ich an Selbstzerstörung festhalte? Was eigentlich ist so furchtbar daran, so zu sein wie ich wirklich bin - innerlich wie äußerlich? vielleicht ist es doch mehr als ich denke immer noch ein'Deckeln' der Vergangenheit?

ich habe immer an irgendetwas Selbstzerstörerischem 'festgehalten'
- zu viel rauchen, hungern, SSV
. Kaum habe ich das eine gelassen, habe ich mir das nächste 'genommen'. Es ist mir in den letzten Jahren trotzdem gelungen ein 'Gleichgewicht' zu halten - 'gesünder' zu werden und meine Stabilität nie zu gefährden, dass ich unfähig bin, mein Leben (Alltag, Beruf, Beziehung) zu leben - und auch etwas glücklich zu sein (immer mal wieder). Und vor wenigen Wochen kam ich auf die 'geniale Idee' (von einem Tag auf den nächsten), dass ich doch nicht mehr rauchen sollte (mit kleinen Nikotinhelferchen). Und plötzlich (ja, plötzlich, Tage später- ich habe vorher nicht darüber nachgedacht (vielleicht macht mich das mir sogar irgendwie sympathisch?)) fiel mir ein, dass ich durch diese Nichtrauchaktion wahrscheinlich zunehmen könnte/werde... Und schon war ich nicht mehr überzeugt von der ganzen Sache- aber immerhin noch bereit, es weiter zu versuchen... Mit der Folge, dass ich irgendwie wieder in das ES-Verhalten gerate, was mir überhaupt nicht gut tut: ich überlege wieder sehr genau, was ich essen darf, was nicht- fange wieder an mich zu wiegen (was ich seit Monaten nicht tat). Und: ich habe wirklich Angst davor, dass der Körper mir über den Kopf wächst! ...so wie in der Zeit, als ich mich verabschiedet habe vom Hungern und mich gewagt habe, normal zu essen...
Und ich habe auch Angst, dass mir meine Gefühle über den Kopf wachsen ...mehr Albträumen, mehr Erinnerungen ...alles, was ich schon mal besser verpackt hatte.
Und jetzt hocke ich hier - mit einem Kloß im Hals und schäme mich, dass ich so hilflos bin- und bin auch traurig, habe Angst. Es ist fast egal, ob es wirklich so passiert - eine Gewichtszunahme. Alleine der Gedanke reicht mir schon. Und ich frage mich, was mich so erschrecken kann (immer noch) an der Vorstellung eben so zu sein, wie ich bin - ohne einen ständigen Kampf gegen den Körper, gegen mich. Ich glaube, ich habe Angst mich genauso schutzlos zu fühlen wie als Kind. Die Bemühung anders zu sein/anders zu werden (als ich bin), Kontrolle zu haben hat mich immer begleitet... Das Bestreben aufzugeben (die Kontrolle aufzugeben) macht mir Sorge...immer noch. Und die Ablehnung wird größer... Ich halte es weniger gut aus - so 'kampflos' in meinem Körper. Es wäre schön, wenn ich etwas Gutes an mir finden könnte. Aber das geht gerade irgendwie nicht. ich bin gerade so jammerig...

Bedankt, dass ich es hier lassen darf.

Cornflakes

*OT :
liebe Bssst, wenn Du das hier liest: s** b*d*nkt f*r's Sp**lerw**d*rf*nd*n. ;) Ich habe mich sehr gefreut! *wink*

Cornflakes
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Re: Überlebensstrategie

Beitragvon Cornflakes » Mo 26. Jan 2015, 16:04

Nachdem ich in der letzten Woche sehr gewütet habe, fühle ich mich jetzt ruhiger- wenngleich trauriger. Ich glaube was mich gerade beschäftigt und bewegt ist das Loslassen - und das schmerzt. Dennoch versuche ich mich damit. Loslassen heißt für mich gerade die Ansprüche an mich lassen- ich werde ihnen sowieso nicht gerecht. Loslassen heißt aufhören, mich abzulehnen, innerlich in Wut aufzubrausen und mir gedanklich zu zusetzen - ich werde mich sowieso nicht verändern können. Aufhören, mir Gewalt anzutun, in dem ich mir ständig vor Augen führe, wie uneinverstanden ich mit diesem weiblichen Körper bin - ich werde ihn ja doch nicht verändern können. Es kommt darauf auch letztlich nicht an. Auch wenn ich dünner wäre, auch wenn ich einen anderen Körper hätte, auch wenn ich intelligenter wäre, auch wenn ich lustiger, größer, kleiner wäre, eine andere Haarfarbe hätte - ich würde mich genauso wenig mögen, wie jetzt eben auch. Das glaube ich gerade. Loslassen macht mich traurig, weil es auch ein großer Abscheid ist. Aber ich muss wohl einmal erleben, was dann passiert. Ich muss es einmal noch wirklich probiert haben (auch probiert haben gesund zu werden), damit ich nicht nur aus lauter Furcht -vor dem was sein könnte, wenn...- es nie mehr wirklich versuchte. Vielleicht wird es irgendwann leichter und das Gefühl ändert sich. Gerade ist es einfach nur traurig. Zum Loslassen gehört auch den Kleiderschrank zu entmüllen (bloß keine Kleidung anziehen, die mir nicht passt - das ist noch mehr Bestrafung) "tschüß, ihr Ideale. Ich komme wohl nicht wieder".
Wahrscheinlich gibt es nicht den richtigen Knall. Das erwarte ich innerlich. ...ich glaube, ich werde im ersten Moment einfach nur trauriger.
Ich betrauere alles, was ich nicht gelebt habe - weil ich so mit Selbstzerstörung beschäftigt war. Ich betrauere nach langer Zeit meine Verletzungen - von denen ich dachte, ich hätte sie schon lange hinter mir gelassen. (vielleicht haben sie sich ende letzten Jahres schon leise zurückgemeldet- sonst hätte ich vielleicht in diesem Thread nicht 'plötzlich' angefangen darüber zu schreiben?)
so sehr ich immer bekundet habe, wie wichtig es ist bei sich zu sein, so sehr habe ich auch genau Angst davor. Weil ich fürchte ich finde 'dort' nur etwas schwaches, graues - etwas, was ich nicht gern haben kann. Und was so unbedingt 'anders' sein muss, um geliebt zu werden. Dann wäre ich wieder 'am Anfang'. Aber bevor ich das wirklich bin, muss ich gehen um zu überprüfen ob es das wirklich ist. Und ich habe auch überlegt, ob ich nicht nochmal etwas therapeutische Unterstützung suchen sollte - weil es doch recht anstrengend wird, so ganz alleine zu gehen. ...

...ich erwarte nicht, dass mein Geschreibe zu verstehen ist. es kommt mir selber unvollständig vor. Und gerade frage ich mich auch, warum ich es hier aufschreiben möchte... Ich glaube, ich fühle mich weniger alleine, wenn ich es hier hin packe. Und wenn es einer anderen ähnlich geht wie mir - vielleicht macht es sie ebenfalls weniger alleine.

Bedankt für's Hierlassendürfen!

Cornflakes

ChicaBailando
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Re: Überlebensstrategie

Beitragvon ChicaBailando » Mo 26. Jan 2015, 23:05

Liebe Cornflakes,

du sprichst mir mit deinen letzten Posts aus der Seele. Ich kämpfe auch seit einer Weile mit diesem Loslassen und es ist so unglaublich schwer.
Meinen Kleiderschrank habe ich zum Beispiel nicht ausgemistet. Als wöllte ich mir so eine Hintertür offenhalten, falls es doch nicht klappt.

Mit diesem Kampf habe ich unbewusst während meines Auslandaufenthaltes angefangen. Dort habe ich zugenommen und fand das schrecklich, aber als ich wieder zurück war, fiel mir auf, dass ich trotz des Gewichts nicht so angreifbar war, wie ich immer gedacht hatte. Ich hatte einen Satz entwickelt, mit dem ich mir eine Art Schutzschild aufbaute. Mit diesem Satz im Kopf kann ich vieles entspannter sehen - mit dem Gewicht klappte es allerdings nicht so, wie ich es mir gewünscht hatte.

Und nun versuche ich, loszulassen. Wie du benutze ich mal das eine, mal das andere Selbstzerstörerische. Was gerade besser "passt". Und deswegen habe ich Angst davor, was passiert, wenn ich die ES tatsächlich hinter mir lasse. Ob ich dann wieder etwas anderes benutze?
Ich stelle mir auch immer wieder die Frage, was denn so schlimm daran wäre, ich selbst zu sein. Warum ich solche Angst davor habe. Eine Antwort weiß ich leider auch nicht.

Ich fühle mit dir und hoffe, dass du dich nicht mehr so alleine fühlst.

froschkermit
Beiträge: 51
Registriert: So 21. Sep 2014, 20:30

Re: Überlebensstrategie

Beitragvon froschkermit » Di 27. Jan 2015, 17:28

Liebe Cornflakes,

es berührt mich, dass es dir gerade nicht so gut geht. Du bist gerade sehr nachdenklich und kannst sehr gut beschreiben, was in dir vorgeht. Die Art und Weise, wie du es schreibst, zeigt aber auch, dass genau diese Emotionen Traurigkeit, Angst, Befürchtungen gerade jetzt auch da sein dürfen und das ist finde ich einen großen Schritt. Du schaust diesen Gefühlen gerade jetzt ins Auge und verdrängst sie nicht. Auch das hat mit Akzeptanz zu tun...
Ich kann deine Ängste und Befürchtungen auch sehr gut nachvollziehen, im Moment finde ich mich auch gerade wieder in einer Phase des Selbstzweifels, des Gefühls meinen Wert als Mensch wieder in Frage zu stellen, das Gefühl zu haben Liebe, Verbundenheit, Zuneigung gar nicht verdient zu haben, so lange man so ist, wie man ist... Immer das Gefühl zu haben, ich muss irgendwie anders sein. Du beschreibst sehr schön, dass es hier ums Loslassen geht. loslassen von den angestrebten Idealen. Und es erscheint irgendwie auch so logisch. Die Personen, in meinem Umfeld, die ich als selbstsicher einschätze und die sich annehmen können wie sie sind, sind so unvollkommen sie auch sein mögen, genau damit sympathisch und eben genau so wie sie sind liebenswürdig... Und darum geht es, unsere Unvollkommenheit akzeptieren. mit dem Kampf aufhören, damit sich Entspannung, Gelassenheit und die Würdigung der menschlichen und allgegenwärtigen Unvollkommenheit einstellen können. Aber wie schon gesagt, es ist einfach dies aus rationaler Sicht zu verstehen, ich bin auch noch auf dem Weg dies für mich auch emotional zu verinnerlichen...
Wenn ich Posts, wie deine lese, denke ich immer, dass sich hinter dieser zweifelnden Person eine sehr liebenswerte und sympathische Person verbirgt und es macht mich betroffen, dass du dich mit diesen Zweifeln trägst, weil du sie mit Sicherheit nicht haben bräuchtest...
Ich hoffe es ist ein kleiner Trost für dich zu wissen, dass auch ich auf diesem Weg bin und wie ChicaBailando schon sagte, wir nicht allein sind.
Ganz liebe Grüße
Kermit

Cornflakes
Beiträge: 847
Registriert: Do 16. Aug 2007, 23:46

Re: Überlebensstrategie

Beitragvon Cornflakes » Mi 28. Jan 2015, 19:07

Seid ganz herzlich bedankt, Ihr beiden Lieben, für Eure Zeilen. Ich bin sehr berührt ...und fühle mich auch etwas weniger alleine. Das ist schön und erleichtert es mir gerade ein wenig.

Liebe ChicaBailando, was Du über Deinen Satz geschrieben hast, der wie ein Schutzschild wirkt, finde ich sehr bemerkenswert... Auf so eine Idee bin ich noch nie gekommen und stelle mir gerade vor, dass es etwas sehr ermutigendes und wirklich auch beschützendes haben kann- wenn ich mir denke, er begleitet unterwegs im Alltag und macht Mut, etwas gelassener zu bleiben. Dabei fällt mir auf, wie schwer ich es immer finde die 'kleinen Erfolge' im Strudel des Alltags zu halten und sie durch die Schnelligkeit des Alltagstrotts nicht wieder unter die Räder geraten zu lassen und somit ins gestörte Essverhalten zurückzufallen. Sei nicht allzu enttäuscht, dass Du den einen Schritt 'Gewicht' nach vorne nicht halten konntest. Ich finde es ist wichtig, dass Du dran bleibst und weiter nach Veränderung suchst und sie auch wagst- wenn nicht jetzt sofort (und alles auf einmal ;) ), dann vielleicht in den kleineren Etappen (?). Vielleicht findest Du einen Bereich, in dem Du anfangen könntest? (...und auch wenn sich meine Kleiderschrankaktion so heldenhaft liest - bitte glaube, es länger gedauert, bis es so weit war. Aber dann habe ich es einfach tun müssen - weil ich erlebt habe, wie unpassend (im wahrsten Sinne) es wäre, es nicht zu tun ... ).

Liebe Kermit, oftmals fällt es mir so schwer etwas Schönes und Gutes über mich anzunehmen - was andere sagen und schreiben. Aber ich kann es von Dir gerade gut haben. Ich weiß nicht, ob Du's verstehen kannst aber die Selbst- und Fremdwahrnehmung geht da wohl auseinander (?). Ich erlebe mich so wenig nur klar und nicht strukturiert... und überhaupt mit mir selber eher im unklaren und weit davon entfernt, etwas Liebenswertes zu entdecken. Aber ich weiß sehr gut was Du meinst und geschrieben hast, über die anderen Menschen (die, die so selbstsicher wirken - und sich annehmen können, genauso wie sie eben sind *mitEckenundKanten*) und dem Blick auf sie: Sie sind liebenswürdig und sympathisch dadurch. Das sehe ich bei anderen auch - nicht aber bei mir. Vielleicht aber hat es gerade mit dem Loslassen zu tun, dass plötzlich (?) das Geschnörkel und das Gestellte wegfällt und es einfach nur noch so ist, wie es eben gerade ist...mit Ecken und Kanten eben (?)
Sich die Liebe, die Akzeptanz und vielleicht das Gefühl irgendwie dazu zugehören erst verdienen zu müssen durch Leistung (oder "Anderssein"), diesen Gedanken kann ich so gut verstehen! (Und ich finde, da hast Du es gut auf den Punkt gebracht, die Worte zu finden.) Du hast aber einen sehr großen Wert als Mensch - und das ganz unverdient, bedingungslos und selbstverständlich! Das schreibe ich Dir - herzlich und aufrichtig- weil ich es so sehe (niemand muss sich in dieser Hinsicht etwas verdienen!) und Dir gerne auch mitteilen möchte. Dass ich mir selber von dieser Einstellung nicht so viel mitgeben kann, steht auf einem anderen Papier. Vielleicht schreiben wir es uns ja deshalb auch gegenseitig (?) - und können es dadurch (schrittweise) etwas besser haben.

Es ist ein großer Trost für mich zu wissen, dass Ihr auch auf dem Weg seid und Ihr versteht, um was es geht und Ihr es mit mir geteilt habt!

Viele liebe Grüße an Euch beide!

Cornflakes


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