Fühl mich nirgends zugehörig

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Aua

Fühl mich nirgends zugehörig

Beitragvon Aua » Mi 17. Mai 2017, 21:54

Hallo,

ich bin ziemlich traurig, weil ich das Gefühl habe nirgends dazu zu gehören. Ich will nicht immer die Kranke sein, deshalb habe ich gekämpft, um ein normales Leben führen zu können. Aber was ist ein normales Leben? Eine Freundin von mir wurde mit 29 wegen ihrer psychischen Probleme berentet. Das Leben, das sie jetzt führt, würde ich nicht in meinem schlimmsten Alptraum führen wollen. Sie lebt in einer therapeutischen WG und denkt den ganzen Tag nur darüber nach, was sie wann essen darf und was nicht. Was ist denn das für ein Leben? Sie ist ziemlich depressiv, hat zu nichts Lust und auch kein Geld. Ich habe mich die letzten Jahre immer wieder neu beworben, weil ich noch keine feste Arbeitsstelle gefunden habe und das liegt sicher auch an meinem Lebenslauf. Ich war mit Anfang 20 in vielen Kliniken wegen Magersucht. Jetzt sehe ich nicht mehr krank aus, bin aber immer noch sehr dünn. Da ich keine Waage mehr habe, weiß ich nicht ob mein Gewicht im Normalbereich liegt. Wenn ich in den Spiegel schaue, finde ich mich immer noch sehr dünn, schaffe es aber trotzdem nicht mehr zu essen und mich weniger zu bewegen. Das ist alles sehr zwanghaft bei mir. Ich brauche diese klaren Strukturen, die ich mir selbst geschaffen habe, weil sie mir Sicherheit geben, nicht weil ich mich zu dick fühle. Ich fühle mich stark, wenn ich meine mir selbst gesetzten Regeln einhalte. Nur so habe ich das Gefühl mein Leben im Griff zu haben. Ich merke, dass mir meine alten noch sehr kranken Freunde nicht gut tun, finde aber auch keine neuen Freunde, weil ich zu schüchtern bin und nicht so fröhlich wie die anderen. Das merke ich gerade auf der Arbeit. Heute waren wir zusammen mittags Essen, weil eine Kollegin Geburtstag hatte. Alle waren ausgelassen und haben sich über den Betriebsausflug unterhalten. Mir wurde gesagt, wenn ich hier arbeite, dann müsse ich auch trinken, weil hier alle trinken bei Betriebsfeiern. Ich habe mich sehr unter Druck gesetzt gefühlt, weil ich nie Alkohl trinke. Ich kämpfe bei solchen Feiern schon immer mit dem Essen und dann auch noch etwas trinken müssen, das stresst mich total. Ich möchte gerne dazu gehören, aber kann ich das nur, wenn ich mit den anderen saufe? Sie haben dann davon gesprochen, wie viel sie bei der letzten Betriebsfeier getrunken haben. Ich will kein Spießer sein, aber ich will ich sein können. Ich fühle mich dazu genötigt so zu sein wie die anderen, weil ich sonst nicht dazu gehöre. Ich will nicht mehr zu den Magersüchtigen gehören, mein Ziel war es gesund zu werden, aber davon bin ich immer noch weit entfernt. Ich weiß nicht wer ich bin und was mir Spaß macht, die Magersucht hat mich so viele Jahre so dominiert, dass ich mich selbst verloren habe. Wie soll ich mich je wieder finden? Ich kann doch nicht immer alleine sein, nur um endlich heraus zu finden, was mir gut tut. Letztendlich gewinnt dann wieder die Essstörung und ich mache den ganzen Tag nur Sport. Ich wünsch mir so sehr von anderen angenommen zu werden, so wie ich bin, mit meinen Fehlern und Schwächen. Ich bin nicht die coole fröhliche Partyqueen. Ich bin eher ein ernster Mensch, aber bin ich deswegen weniger Wert?

Liebe Grüße
Aua

P-Beratung
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Re: Fühl mich nirgends zugehörig

Beitragvon P-Beratung » So 21. Mai 2017, 21:39

Liebe Aua,

Sie haben bereits ein grosses Stueck Weg aus der Essstoerung heraus hinter sich! Ganz klar koennen Sie fuer sich sagen, dass Sie gesund werden und nicht mehr zurueck in die Magersucht moechten. Es ist ein toller und wichtiger Schritt dies zu erkennen und fuer sich formulieren zu koennen. Auf mich wirken Sie sehr klar in dem was Sie moechten, naemlich einfach Sie selbst sein. Das ist ein sehr verstaendlicher Wunsch und ich moechte Sie ermutigen, dieses Ziel weiter zu verfolgen.

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, faellt es Ihnen schwer dieses Beduerfniss nach aussen zu vertreten, wenn andere Menschen, wie z.B. Ihre Arbeitskollegen/-innen, etwas von Ihnen einfordern, dass Sie eigentlich nicht moechten. Vielleicht wuerde es Ihnen in solchen Situationen helfen bereits vorher zu ueben, sofern es sich um etwas planbares handelt. Wenn sie absehen koennen (z.B. im Rahmen eines erneuten Geburtstages in Ihrer Arbeit), dass das Thema Alkohol aufkommt, koennte es Ihnen helfen sich schon vorher ein, zwei Saetze zu ueberlegen, die Sie dann sagen moechten. Diese Situationen koennen Sie zu Hause vor dem Spiegel ausprobieren oder eine Person Ihres Vertrauens um ein Rollenspiel bitten.

Sofern es Ihnen grundsaetzlich schwer fallen sollte, sich von den Wuenschen anderer abzugrenzen, kann es auch helfen, wenn Sie in Situationen beginnen fuer sich einzutreten, in denen Ihre Angst vor dem Abgelehntwerden nicht so gross ist. Vielleicht fuehlen Sie sich z.B. Ihrer Familie gegenueber ein Stueck weit sicherer als bei Ihren Arbeitskollegen und koennen dort ausprobieren, wie es fuer Sie ist, Sie selbst zu sein und Ihre Wuensche klar zu aeussern. Sobald es sich dort in Ordnung anfuehlt, koennen Sie sich an der naechsten Situation versuchen und sich so stueckweise an Situationen herantasten, die Ihnen groesseres Unbehagen bereiten.

Um auf Ihre Frage direkt zu antworten: Nein, Sie sind absolut nicht weniger wert, weil Sie sich ernster wahrnehmen! Die Krux ist, Menschen zu finden, bei denen Sie sich so akzeptiert fuehlen, wie Sie sind. Das koennen, aber muessen durchaus nicht Menschen sein, die Ihnen aehneln. Sie haben gefragt, wie Sie sich je wieder finden koennen. Ich kann Ihnen sagen, dass dies ein Prozess ist, der viel Zeit und Geduld erfordert. Vor allem aber ist eine grosse Portion Mut erforderlich, um verschiedene Dinge auszuprobieren und sich nicht entmutigen zu lassen, wenn die ersten paar Versuche nicht gleich zum gewuenschten Erfolg fuehren. Wenn Sie 5 Dinge auf eine Liste schreiben sollten, die Sie gerne ausprobieren wuerden, was wuerde auf Ihrer Liste stehen? Welche dieser Dinge lassen sich umsetzen, welche nicht und warum? Und am Wichtigsten: Gibt es in Ihrem Umfeld irgendjemanden, der Sie bei einer neuen Aktivitaet begleiten koennte? Ein Familienmitglied, eine aeltere Freundin, vielleicht sogar eine Arbeitskollegin? Sie muessen natuerlich Ihre Antworten nicht mit uns teilen, duerfen dies aber gerne in einer neuen Anfrage tun.

Ich weiss, dass es jede Menge Mut erfordert, jemanden anzusprechen und zu etwas einzuladen oder sich in eine fremde Umgebung zu stuertzen. Deshalb wuensche ich Ihnen von ganzem Herzen, dass Sie sich trauen koennen, sich auf solche Versuche einzulassen und sich nicht entmutigen lassen, wenn die erste Person oder Aktivitaet, die Sie waehlen, nicht gleich das Richtige fuer Sie ist.
Falls Sie noch weitere Fragen an uns haben, koennen Sie sich jederzeit gerne wieder bei uns melden. Ich wuensche Ihnen auf Ihrem weiteren Weg nur das Beste!

Stephie


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