Bringt der Zwang der Ärzte einen weiter?

Therapie - ja oder nein? Welche Therapie hilft mir? Was hat mir sonst geholfen? Was hilft mir jetzt? Wer wohnt in meiner Gegend und mag sich mit mir treffen?

Moderatoren: alesu, Mi_Suerte

laurachiara
Beiträge: 10
Registriert: Mi 18. Jan 2017, 12:00

Bringt der Zwang der Ärzte einen weiter?

Beitragvon laurachiara » Di 30. Mai 2017, 22:01

Hallo

Seid drei Wochen bin ich nun in einer allgemeinen Psychiatrie das zweite mal jetzt innerhalb eines Jahres. Leider wieder mit einer richterlichen Unterbringung. Dieses mal ist der Druck nur noch mehr. Vor einer Woche bekam ich eine Magensonde gelegt. Die zum Glück am gleichen Tag entfernt wurde aber seiddem wird mir immer wieder damit gedroht. Ich kann das auf der einen Seite schon verstehen manchmal jedenfalls ansonsten halte ich sie eher für hysterisch. Immer ich sollte mehr mitarbeiten aber ich fühle mich einfach nicht bereit dazu. Ich weiß das ich krank bin aber der Gedanke dreimal täglich normal zu essen und zuzunehmen macht mir viel zu große Angst. Manchmal nehme ich mir vor am nächsten Tag richtig zu essen weil ich ja auch hier raus will aber ist der Tag dann da kann ich mich nicht dazu überwinden. Naja ich glaub sie sind hier schon richtig genervt von mir. Heute wurde ich dann gefragt wann ich denn mal mitarbeite. Aber ich habe keine Ahnung wie ich das schaffen soll. Wie kommt man gegen sich selbst an? Ja ich trink das [Trinknahrung] aber soll auch essen was mich dann schon überfordert. Ich wüsste nicht mal was ich essen sollte. Und dann das zunehmen wie kommt man damit klar wenn man im Kopf einfach nur abnehmen möchte?
Zuletzt geändert von Mi_Suerte am Mi 31. Mai 2017, 11:04, insgesamt 1-mal geändert.
Grund: Liebe Laura, bitte keine Herstellernamen von Trinknahrungen benennen, dein Text ist auch so ersichtlich. Danke dir. Lg Mi_Suerte

alesu
Teammitglied
Beiträge: 1529
Registriert: Mi 3. Okt 2007, 13:10

Re: Bringt der Zwang der Ärzte einen weiter?

Beitragvon alesu » Mi 31. Mai 2017, 06:55

Hallo,

ich finde Deine Frage ist nicht einfach und pauschal zu beantworten.

Grundsätzlich darfst Du aber davon ausgehen, dass eine richterliche Anordnung nicht hysterisch ausgestellt wird, sondern weil es berechtigte Sorgen um Dein Leben und Deine Gesundheit gibt.

Oft liest man, dass dieser ganze Zwang von außen nichts bringt und dass der/die Betroffene es selber wollen muss, was bei Dir ja offensichtlich (noch) nicht der Fall ist. Ich finde, wenn dieser Zwang -und sei es die Magensonde- dabei hilft, jemanden am Leben zu halten und so die Chance zu geben, irgendwann selber zu wollen, dann ist damit schon sehr viel erreicht.
Ich glaube ich spreche für viele Ehemalige, wenn ich schreibe, dass ich froh bin, diese Zeit gesund überlebt zu haben und dass das Leben, das ich jetzt habe, das sich nicht mehr um psychische Krankheit, (nicht) Essen und mein Gewicht dreht so unheimlich schön und wertvoll ist, wie ich es in meiner akuten Zeit niemals für möglich gehalten hätte.

Ich war vermutlich in einer anderen Phase und auch freiwillig in der Klinik, aber mir hat es eher geholfen, dass von außen eine gewisse Erwartung und Druck da waren. So konnte ich erst mal innerlich sagen: ich esse ja nicht, weil ich verfressen bin oder so, sondern, weil ich "muss". Das hat es mir erst mal leichter gemacht wieder regelmäßig und mehr zu essen.
Und irgendwann wollte ich dann auch da raus (aus der Essstörung) und habe nach der Uhr alle x Stunden gegessen. Ich glaube es ist nicht so wichtig wie viel oder was Du am Anfang isst. Haupsache man fängt irgendwann irgendwie wieder damit an.

Hast Du Therapie in der Klinik? Habt ihr mal versucht zu schauen, was hinter Deiner Angst steckt zu zu nehmen und regelmäßig zu essen? Oder interessiert Dich das gar nicht? Das wäre ja eine Fragestellung, die unabhängig davon, ob Du aktuell isst oder nicht interessant sein könnte. Was Du mit der Antwort machst (wenn Du sie findest) ist ja dann noch offen.

Ich wünsche Dir, dass Du irgendwann den Weg raus mit voller Überzeugung in Angriff nimmst. Das Leben jenseits dieser Krankheit ist schön. Es ist so schade, Zeit damit zu verbringen sich selbst so zu quälen. Ich weiß, dass ich ohne die ES und alle Erfahrungen, die ich in Zusammenhang damit gemacht habe heute nicht die wäre, die ich bin. Es gehört zu mir. Trotzdem schmerzen mich die vielen Jahre, die ich so unglücklich war und in der sich mein Leben so sehr um meine psychischen Störungen gedreht hat. Ich wünsche mir, dass so eine Phase nie wieder kommen möge.
Ich habe viel verpasst. Viel Schönes und Gutes nicht wahrgenommen.

Dafür lebe ich heute um so bewusster und genieße jeden schönen Tag.

Ich wünsche Dir, dass Du das auch irgendwann so sagen kannst. Dass Du Dein Leben genießen kannst, ohne dass es sich den ganzen Tag um (nicht) essen und Dein Gewicht dreht.

Liebe Grüße

alesu

_Helena_
Beiträge: 5
Registriert: Mi 31. Mai 2017, 07:16

Re: Bringt der Zwang der Ärzte einen weiter?

Beitragvon _Helena_ » Mi 31. Mai 2017, 12:54

Hi!

Ich glaube auch, dass man das nicht 100% richtig beantworten kann.

Aus eigener Erfahrung muss ich sagen, dass es mir am meisten geholfen hat, meinen ganz eigenen Weg zu gehen.
Ich habe viel anders gemacht als mir damals die Mitarbeiten in der Klinik geraten haben und bin dadurch gesund geworden.
Vieles wird natürlich pauschalisiert wie z.B. Ratschläge und Vorgaben, wie man zu essen hat.

Ich muss aber auch sagen, dass ich nie untergewichtig war, ich hatte Bulimie.
Wenn das niedrige Gewicht gesundheitlich bedrohlich wird, bin ich mir nicht sicher, ob es der beste Weg ist zu sagen:
"Ich will in meinem Tempo zunehmen."
Dann ist das Risiko denke ich groß, dass man es eben nicht tut und aufschiebt, weil es zu schwer ist die Angst zu überwinden.

Vielleicht kannst du einen Mittelweg wählen?
Anfangs auf die Ärzte hören, essen und stark bleiben. Ich weiß wie schwer es ist zu akzeptieren, dass man zunimmt.
Kann sein, dass danach ein Punkt kommt, an dem du selbst entscheiden kannst:
"Ja, ich will zunehmen, aber in meinem Tempo. Langsam, damit ich mich Schritt für Schritt daran gewöhnen kann."

Ganz liebe Grüße! :)

Cambio
Beiträge: 13
Registriert: Fr 18. Dez 2009, 15:44

Re: Bringt der Zwang der Ärzte einen weiter?

Beitragvon Cambio » Do 1. Jun 2017, 18:43

Hallo zusammen,

mir hat der "Zwang" zunächst auch sehr viel geholfen - weil er dem Zwang der ES gewachsen war. Denn es ist ja beileibe nicht so, dass man vorher frei wäre, im Gegenteil. Ich habe die Zwänge der Magersucht immer als immens ausgeprägt, mächtig und absolut erlebt - da hat es schon etwas sehr Kraftvolles gebraucht, um mich davon wenigstens ansatzweise lösen zu können.Ich bin ich so froh, dass diese Rolle Ärzte und Therapeutinnen, übernommen haben - quasi als "Buhmänner und -frauen". Ich hätte es am Anfang der Behandlung sicher nicht selbst geschafft, diese ganze Wut und Wucht der ES auszuhalten. Darum bin ich für diesen "Zwang" wirklich dankbar - und hätte nie mit diesen Menschen tauschen wollen, die mich in dieser verzweifelten und um mich schlagenden Zeit er- und getragen haben.
Später, als ich selbst wieder freier war, konnte ich dann diese Rolle nach und nach wieder selbst übernehmen. Und trotzdem habe ich auch da immer mal wieder die Heftigkeit gespürt, mit der sich die MS aufgelehnt hat. Dennoch "dranzubleiben" braucht viel Kraft - und die hatte ich am Anfang schlicht nicht.

Aber ja, das ist mein Weg gewesen. Es gibt viele andere. Sicher spielen da auch biographische Faktoren eine Rolle, Erfahrungen, Persönlichkeit. Und doch glaube ich, dass man manchmal Wege ausprobieren muss, weil man eben vorher doch nicht wirklich mit Gewissheit sagen kann, wohin sie führen - besonders dann, wenn der alte Weg immer wieder in die Irre geführt hat.

Liebe Grüße

Cambio

laurachiara
Beiträge: 10
Registriert: Mi 18. Jan 2017, 12:00

Re: Bringt der Zwang der Ärzte einen weiter?

Beitragvon laurachiara » So 11. Jun 2017, 09:01

Hallo
Vielen lieben Dank für eure Antworten. Mittlerweile sehe ich es auch so das es was bringt sonst würde ich nichts essen. Aber es ist ziemlich mühsam da ich für meine Verhältnisse viel esse es aber denen dennoch nicht ausreicht. Weiter wie bis hierhin kann ich momentan aber nicht gehen. Da jede Mahlzeit für mich schon eine grosse Überwindung ist. Aber eine Veränderung ist da leider sehen die es hier ein bisschen anders und meinen die Behandlung würde nicht gut anschlagen da ich einfach immer noch zu wenig zu mir nehme. Und da werden sie auch nicht müde mir ständig vor Augen zu halten das man daran sterben kann. Was ich eigentlich gar nicht mehr hören will man selbst denkt ja sowas könne einem nicht passieren. Naja ist ja ne exfreundin von einem Fussballspieler vor kurzem an ihrer Esstörrung verstorben und darauf weisen sie mich immer wieder hin. Wie es nun hier weiter geht keine Ahnung wird wohl die Unterbringung verlängert werden. Es ist so ungeheuer schwer es aus dem Kopf zu kriegen das man weiter abnehmen will. Keine Ahnung ob sich das je wieder ändert.

LG

alesu
Teammitglied
Beiträge: 1529
Registriert: Mi 3. Okt 2007, 13:10

Re: Bringt der Zwang der Ärzte einen weiter?

Beitragvon alesu » Mo 12. Jun 2017, 12:17

Hallo laurachiara,

es freut mich zu hören, dass Du einen kleinen Anfang machen konntest :) .

Dieser Wunsch abzunehmen mag einen wirklich noch lange begleiten, auch jenseits der akuten Phase, aber ich verstehe ihn inzwischen eher als Warnsignal, dass was anderes nicht stimmt als dass ich ihm unbedingt nachgeben müsste.

Du solltest aber auch in Betracht ziehen, dass Dein Gehirn und auch Deine Gefühlswelt derzeit alles andere als im Normalbetrieb sind.

Es gibt viele, die die Meinung vertreten, dass man in starkem Untergewicht gar nicht (psycho-)therapiefähig wäre und erst auf einen gewissen Stand zunehmen muss, um überhaupt wieder halbwegs ansprechbar zu sein.

Es geht hier ja nicht nur um Willen. Es handelt sich um eine Krankheit. Was nicht heißt, dass Du nichts dagegen tun kannst zu hungern. Aber vielleicht kannst Du gegen die Gedanken aktuell tatsächlich nichts/nicht viel tun.

Ich wünsche Dir alles Gute!

alesu

laurachiara
Beiträge: 10
Registriert: Mi 18. Jan 2017, 12:00

Re: Bringt der Zwang der Ärzte einen weiter?

Beitragvon laurachiara » Mo 12. Jun 2017, 21:24

Hallo Alesu

Naja ist im Moment auch keine Richtige Psychotherapie unterhalten uns nur sehr kurz und nur über medizinische Sachen. Heute wat sie halt wieder total unzufrieden. Ich trink halt das [Trinknahrung] aber so normales Mittagessen oder so hört sich vielleicht blöd an aber da weiß ich einfach nicht was drin ist. bei der [Trinknahrung] weiss ich es genau. Da die Blutwerte sich aber verschlechtert haben wollte sie das [Trinknahrung] heute erhöhen damit konnte ich mich aber nicht anfreunden.
Nächste Woche wird die Unterbringung dann verlängert was echt schlimm ist da ich schon seid sechs Wochen gar nicht draußen war. Wie hast du es denn geschafft mehr zu essen?Warst du auch in einer Klinik.
LG
Zuletzt geändert von Mi_Suerte am Di 13. Jun 2017, 15:56, insgesamt 1-mal geändert.
Grund: Bitte keine Trinknahrungshersteller schreiben, dein Text ist auch so ersichtlich. Danke dir. Lg Mi_Suerte

alesu
Teammitglied
Beiträge: 1529
Registriert: Mi 3. Okt 2007, 13:10

Re: Bringt der Zwang der Ärzte einen weiter?

Beitragvon alesu » Sa 17. Jun 2017, 23:00

Hallo laurachiara,

ja ich war auch mehrmals in einer Klinik, allerdings freiwillig.

Das ist natürlich eine ganz andere Ausgangssituation.

Wie geht es denn jetzt bei Dir weiter? Wenn Du nicht genug zu Dir nimmst und Deine Blutwerte schlechter werden, was passiert dann? Hast Du keine Angst zu sterben?

Ich glaube ich habe mehr gegessen, weil ich wieder leben wollte. Weil ich die Energie brauchte. In der Klinik ist mir das deutlich leichter gefallen als daheim, weil ich mich da nicht selber ums Essen kümmern musste und Mitpatienten bei mir am Tisch saßen, die keine Probleme mit dem Essen hatten, so war das Thema nicht so offensichtlich präsent und ich konnte mich mengenmäßig etwas an den anderen orientieren.

Ich habe es irgendwann als eine Art technischen Akt gesehen, so wie ein Auto tanken und habe ziemlich lange einfach nach der Uhr alle x Stunden etwas gegessen. Weil das Bedürfnis so von alleine natürlich nicht da war.

liebe Grüße

alesu

laurachiara
Beiträge: 10
Registriert: Mi 18. Jan 2017, 12:00

Re: Bringt der Zwang der Ärzte einen weiter?

Beitragvon laurachiara » So 18. Jun 2017, 23:37

Hallo alesu
Hm wollte auch mal freiwillig in eine Klinik nach meinem letzten Aufenthalt hier aber dann wurde es schlechter und ich bin wieder hier gelandet. Bis gestern hatte ich wieder ne Sonde aber jetzt ist es wieder etwas besser. Meine Therapeutin hat auch wieder mit der anderen Klinik angefangen weil sie meinte das sie mir hier nicht helfen können.die frage ist nur will ich das und würde ich das schaffen?in welcher Klinik warst du? Ich esse hier nicht mit den anderen zusammen muss immer im schwesternzimmer essen.
LG

alesu
Teammitglied
Beiträge: 1529
Registriert: Mi 3. Okt 2007, 13:10

Re: Bringt der Zwang der Ärzte einen weiter?

Beitragvon alesu » Di 20. Jun 2017, 08:03

Hallo Laurachiara,

ich war mehrmals in der Burghof-Klinik in Rinteln und kann darüber nur Gutes sagen. Sie ist allerdings nicht auf Essstörungen spezialisiert, sondern allgemein psychiatrisch/psychosomatisch. Für mich war das aber eher positiv. Ich glaube unter lauter anderen von Essstörungen Betroffenen wäre es mir noch schwerer gefallen, von dem Fokus auf das Essen/nicht Essen auch mal weg zu kommen.

Irgendwie "wollen" muss man natürlich schon, die ES geht ja nicht von alleine weg. Und es ist harte Arbeit, das was dahinter steckt herauszufinden und anzugehen, so dass man die ES nicht mehr so braucht.
Aber ich kann für mich nur sagen, dass es sich mehr als gelohnt hat.

Hast Du keine Ideen von Deiner Zukunft (ohne ES) mehr? Hast Du Träume? Irgendwelche Ziele?

Liebe Grüße

alesu


Zurück zu „2. Der Weg raus“