Die Überreste einer Bulimie (Gedanken, Überessen)

Leben trotz Essstörung ...als Langzeitbetroffene(r), als Mann, mit Adipositas.
Jede(r) hat hier seinen/ihren Platz! Was ist besonders an meiner Situation und gibt es andere, die dasselbe erleben?

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_Helena_
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Die Überreste einer Bulimie (Gedanken, Überessen)

Beitragvon _Helena_ » Mi 31. Mai 2017, 20:59

Hi ihr Lieben!

Um es kurz zu machen:
Meine jahrelange Bulimie habe ich mittlerweile hinter mir gelassen und kämpfe jetzt noch mit den "Überresten".
Ich erbreche nicht mehr, kompensiere nicht mehr, habe keine Essanfälle mehr, usw.

ABER
Je mehr freie Zeit ich habe, desto mehr fokussiere ich mich auf meinen Körper. Ein freier Tag dreht sich also hauptsächlich um Ernährung und Sport.
"Wenn ich gerade sonst nichts zu tun habe, arbeite ich eben an meinem Körper.", denke ich mir dann. Somit hat der Tag einen Sinn.
Ich habe es aber satt, dass meine Gedanken den gesamten Tag nur um Ernährung und Sport kreisen. Mein Kopf zählt die aufgenommenen und verbrannten Kalorien und wägt immer ab, ob ich nach diesem Tag unter oder über dem Bedarf war, was dann mit positiven oder negativen Gedanken verbunden ist.

Meine erste Frage wäre also:
Hat jemand Tricks, wie man dieses Gedankenkarussell stoppen kann? Meistens sind die Gedanken ja stärker als jeder Versuch sich mit einer Aktivität abzulenken.

Mein zweites Problem ist dann noch das Überessen.
Ich nehme mir immer wieder vor einfach mit dem Essen aufzuhören, wenn ich mich angenehm satt fühle.
Ich habe dann aber Gedanken wie: "Ach, das geht schon noch rein." "Jetzt essen oder später, ist doch egal." "Dann esse ich halt später weniger"
Und manchmal habe ich das Gefühl, dass ich nach der Bulimie immer noch daran hänge, dass der Magen überdehnt ist.

Zweite Frage:
Habt ihr Erfahrungen mit Überessen ? Gibt es Techniken, um mit "einfach nur angenehm satt" zufrieden zu werden?

Danke im Voraus für alle eure Antworten!
Helena

Karolina1979
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Re: Die Überreste einer Bulimie (Gedanken, Überessen)

Beitragvon Karolina1979 » Sa 3. Jun 2017, 22:53

Hallo liebe Helena (schöner Name!)

Erst mal ist es gut zu hören, wie weit Du schon gekommen bist, Kompliment!

Zum Stoppen des Gedankenkarussells (das ich selbst sehr gut kenne), fällt mir nur ein: mal flach auf den Rücken legen (so in der Situation möglich) und auf die Atmung konzentrieren. Vielleicht auch einfach nur "Ein....aus...." währenddessen denken (zumindest probieren). Auch die Hände auf dem Bauch können dabei eine Hilfe sein. Das Flach-Auf-dem-Rücken liegen empfinde ich zusätzlich als Unterstützung, weil es schon körperlich beruhigt, wenn man nichts mehr "halten" muss.

Dann auch: aus der Situation rausgehen. (Klar, schwierig, wenn man gerade allein (und) mit den Gedanken ist, doch damit meine ich: Ortswechsel, Gespräche suchen vielleicht.

Eine Rückfrage: wie kommst Du mit Deinem Körper /Deiner Erscheinung sonst so im Alltag zurecht, so dass die Gedanken dann und wann so arg werden, den Körper verändern zu müssen?



Mein zweites Problem ist dann noch das Überessen.
Ich nehme mir immer wieder vor einfach mit dem Essen aufzuhören, wenn ich mich angenehm satt fühle.
Ich habe dann aber Gedanken wie: "Ach, das geht schon noch rein." "Jetzt essen oder später, ist doch egal." "Dann esse ich halt später weniger"
Und manchmal habe ich das Gefühl, dass ich nach der Bulimie immer noch daran hänge, dass der Magen überdehnt ist.


Da habe ich leider gar keinen Rat und wüsste sogar selbst gern einen....Erst gerade eben hab ich bis zum "Anschlag" gegessen. Auch wenn es mir nicht gut geht damit, scheint es manchmal erträglicher zu sein als "leer". Was mich bei mir sehr wundert, ist, daß es im Grunde in vielen Bereichen schwer fällt, aufzuhören: bin ich erst mal im Hungern, fällt es mir schwer, damit aufzuhören. Bin ich erst mal Essen ebenso. Auch im Sport oder bei anderen Aktivitäten geht es mir ähnlich. Als könnte ich intuitiv nicht die Grenze ziehen, irgendwann muss es immer der Kopf übernehmen... Vielleicht kennst Du das?

Viele liebe Grüße

Karolina

_Helena_
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Re: Die Überreste einer Bulimie (Gedanken, Überessen)

Beitragvon _Helena_ » So 4. Jun 2017, 15:08

Danke für deine Antwort Karolina! :)


Ich bin es einfach zu sehr gewohnt an meinem Körper zu arbeiten.
Habe mich zu lange in der Fitness-Branche aufgehalten, mich zu oft mit Bildern verglichen, die nicht die Realität zeigen. Tolles Feedback bekommen für meine Transformation (wobei diese Figur vor 2 Jahren irgendwann mal nur noch mit der Bulimie gehalten werden konnte).
Irgendwann macht es süchtig, Fortschritte an seinem Körper sehen zu wollen und man hat beispielsweise Angst davor, was die Leuten denn denken, wenn man durch den Heilungsprozess zunehmen wird.
Klar, es gehört zum Sport dazu, dass man auch Erfolge sehen will. Aber ich bin eine Person, für die es immer etwas zu verbessern gibt.
Es gibt Tage an denen ich mich sehr schön finde, stolz bin auf meine Fitness. Dann gibt es wiederum Tage, an denen mir eher das Negative auffällt.

Ich denke, das ist etwas, was sich viele Essgestörte zu Herzen nehmen sollten: das Schwarz-Weiß-Denken aufgeben und sich mehr auf die positiven Sachen konzentrieren, seien sie noch so klein.

Ich lese zurzeit ein Buch, dass die Wirkung von positiven Gedanken auf den Körper behandelt und werde mich in Zukunft mehr darauf konzentrieren. Man unterschätzt die Macht der Gedanken. :!:
Auch das Gesetz der Anziehung (Doku auf YouTube) ist ein sehr interessantes Thema!
Daher werde ich mich jetzt wieder mehr auf Meditation, Atemübungen, Schreiben, Mantras,... konzentrieren, um möglichst schnell eine innere Ruhe herstellen zu können, wenn ich sie brauche, um klare Gedanken zu fassen.

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Was die Grenzen von mir betrifft, kann ich das schon nachvollziehen.
Mir passiert es oft, dass ich nicht auf meine körperlichen Signale höre und ins Übertraining rutsche. (Sport mache ich aber wirklich aus Leidenschaft, weil ich voller Energie bin und ohne Zwang)
Übertraining und Überessen sind bei mir aber die einzigen beiden Grenzen, die ich noch nicht einhalten kann.

Ich werde versuchen mir selbst immer wieder zu sagen, dass mein Körper nichts mehr braucht, wenn er entsprechende Signale gibt.
Essen bis ich angenehm satt bin. Mir bewusst sein, dass ich jederzeit wieder essen darf, wenn mein Körper mir Hunger signalisiert.
Und anschließend an das Essen werde ich etwas anderes machen, um mich abzulenken, z.B. etwas mit dem Hund, Klavier spielen, Malen, usw.

Ich sollte meinem Körper einfach genügend Vertrauen schenken, dass er schon wissen wird, was gut für ihn ist: sei es eine Sportpause oder ein Stück Kuchen mit der Familie. :)

Karolina1979
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Re: Die Überreste einer Bulimie (Gedanken, Überessen)

Beitragvon Karolina1979 » So 4. Jun 2017, 16:08

Ich lese zurzeit ein Buch, dass die Wirkung von positiven Gedanken auf den Körper behandelt und werde mich in Zukunft mehr darauf konzentrieren. Man unterschätzt die Macht der Gedanken.


Das sehe ich ganz genauso - es heißt nicht umsonst, Glaube versetzt Berge...Meinst Du vielleicht ein Buch von Marie Louise Hay? Sie hat sehr viel zum Thema Autosuggestion und Selbstliebe (ich mag das Wort nicht so recht) geschrieben.

Auch das Gesetz der Anziehung (Doku auf YouTube) ist ein sehr interessantes Thema!


Hab ich auch schon von gehört.

Daher werde ich mich jetzt wieder mehr auf Meditation, Atemübungen, Schreiben, Mantras,... konzentrieren, um möglichst schnell eine innere Ruhe herstellen zu können, wenn ich sie brauche, um klare Gedanken zu fassen.


Das ist ein gutes Vorhaben - auch darin versuche ich mich oft. Besser noch als das Wörtchen "versuchen": ÜBEN, MACHEN :-)

Hilfreich empfinde ich solche Dinge in einer Gruppe. Momentan bin ich in einer Meditationsgruppe und auch in einem Lesekreis, was mir sehr gut tut. Vor allem der Austausch dort.

Was das Überessen angeht, hab ich schon lange das Problem, daß ich ziemlich im Untergewicht bin - von daher ist das Hunger/Sättigungsgefühl etwas, das ziemlich unausgeglichen ist.

Herzliche Grüße

K.

_Helena_
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Re: Die Überreste einer Bulimie (Gedanken, Überessen)

Beitragvon _Helena_ » So 18. Jun 2017, 15:28

Das Buch heißt "Körperglück - Wie gute Gefühle gesund machen" von Werner Bartens . :)

Und ich muss sagen, dass mir Meditation wirklich gut hilft.
Ich glaube daran, dass selbst im Schlaf die positiven Affirmationen ins Unterbewusstsein geraten und von da aus dann irgendwann einmal
in den Verstand übergehen.
Ich mache es täglich, schlafe seitdem auch tiefer und meistens bin ich in der Mitte der Meditation (nach 15min) schon im Land der Träume... :lol:

Heliotrop
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Re: Die Überreste einer Bulimie (Gedanken, Überessen)

Beitragvon Heliotrop » Mi 11. Okt 2017, 07:57

Hallo ihr Lieben,

ein interessantes Thema, da ich selber auch schon seit einigen Jahren fast symptomfrei bin. Hatte mich phasenweise sogar als geheilt gesehen. Trotzdem habe ich es noch nie geschafft ein Jahr brechfrei zu sein. Wenn ich auch nur ein bisschen zunehme, macht mir das großen Stress. Ich neige halt immer noch dazu meine Kontrolle über mich und mein Leben anhand der Waage zu messen. In schwierigen Phasen fixiere ich sehr das Essen, egal wo, es springt mir ins Auge, habe dann oft "Futterneid", oder esse durcheinander und zuviel.
Und trotzdem akzeptiere ich den Zustand, weil ein Teil der Gedanken, wie die Zahl auf der Waage, schnell im Alltag an Gewicht verliert. Diese "Futtergedaken" sind irgendwie normal in meinem Kopf. Mit der Zeit lernt man damit umzugehen. Man darf halt nur nicht zu streng mit sich sein, versuchen sich da nicht so reinzusteigern.
Du hast schon von Meditiation gesprochen. Habe jetzt auch damit angefangen. Ich finde, es hilft ganz gut, sich zu entspannen und sich selbst auch zu fühlen.


Lieben Gruß
H.


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